»Sie nennen mich stolz und anmaßend, mein Fürst, und Sie haben ein Recht dazu; denn ich verhehle Ihnen nicht, daß ich bedacht bin, den ganzen Stolz und die ganze Entrüstung meiner gekränkten Seele zu erkennen zu geben. Daß mir dieses gelungen ist, beglückt mich; denn es erfüllt mich mit der Hoffnung, daß Sie den Schein von der Wahrheit, daß Sie die Unschuld von der Schuld, daß Sie die Berechtigung meiner reinen Zuneigung zu einem edeln Manne anerkennen werden. Ja, hoch und stolz will ich fortan mein Haupt tragen, obgleich meine Seele demüthig und geduldig ist, hoch will ich es tragen in dem Bewußtsein meiner Unschuld vor aller Welt, und ihr zeigen, daß Unschuld Muth giebt gegen jede Gewalt der Erde und sie keine Furcht kennt vor der sie bedrohenden ungerechten Strafe. Verurtheilen Sie mich; doch zwischen Ihnen und mir wird die Welt richten!«

Sie schwieg und blickte den Fürsten ruhig an. Ihre Worte und ihr Benehmen steigerten dessen Unmuth in hohem Grade und nur mühsam behauptete er sich in seiner Ruhe. Wir wissen, wie wenig er die Frauen achtete, wie es ihn verdroß, denselben irgend welche geistige und Charaktervorzüge zugestehen zu müssen; am meisten jedoch, wenn ihm dieselben in solchem Maß, wie in Sidonien, entgegen traten, und werden seine Entrüstung daher erklärlich finden. Vielleicht wäre es für die Prinzessin besser gewesen, ein weniger bestimmtes und mehr demüthiges Verhalten gegen ihn zu beobachten; es würde ihn wahrscheinlich milder gegen sie gestimmt haben, selbst wenn er sie für schuldig erkannte. Ihr Hinweis auf das Urtheil der Welt verletzte ihn jedoch so empfindlich, daß er jede Rücksicht vergaß und mit vor Unmuth bebender Stimme entgegnete:

»Gut denn, Prinzessin! Zeigen Sie der Welt und mir Ihren Stolz in der Ueberzeugung, uns dadurch zur Anerkennung Ihrer Schuldlosigkeit zu bewegen. Doch warten Sie den Erfolg ab und vergessen Sie nicht, daß auch das Verbrechen sich solcher Mittel zu ähnlichen Zwecken bedient. Eins kann ich Ihnen jedoch schon jetzt sagen, daß Ihr Verhalten mir gegenüber wirkungslos ist. Doch will ich den Kampf, den Sie mir anbieten, aufnehmen, und erinnere Sie, daß Ihre Sache nicht von mir, sondern von meinen Räthen entschieden werden wird. Sie erkennen, daß mich also keine Schuld trifft, verurtheilt man Sie. Ich kann, wie Sie meinen, getäuscht sein; warten wir ab, ob die vorliegenden Beweise und die Aussagen glaubwürdiger Zeugen geeignet sind, Ihre Schuldlosigkeit darzuthun, oder ob sich auch die Männer des Gesetzes täuschen werden.«

»Ihre Räthe werden mich verdammen; ich weiß es. Denn da Sie es wollen, so habe ich keine Schonung zu erwarten. Ich bin zu stolz und mir keines Vergehens bewußt, und werde mich zu keiner Vertheidigung verstehen. Ich halte eine solche meiner fürstlichen Würde nicht entsprechend und überflüssig. Nur zu Ihnen, als meinem Fürsten, als dem Verwandten meines Gemahls, den ich beleidigt haben soll, glaube ich sprechen zu müssen, und das um so mehr, da ich Sie vor einer compromittirenden Ungerechtigkeit bewahren will und weil es meine Pflicht ist, Ihnen meine Gesinnungen ohne Rückhalt zu offenbaren.« Und dem Fürsten näher tretend und ihn fest anschauend, fuhr sie mit gehobener Stimme fort: »Man sagt, Sie besäßen einen scharfen, die Gedanken der Menschen leicht ergründenden Blick, wenden Sie denselben auf mich, mein Fürst, forschen Sie in meiner Seele und fragen Sie sich alsdann, ob ein Antlitz wie das meine ein Vergehen verbirgt. Die Kunst der Täuschung liegt mir, wie Sie wissen, fern; Sie haben mir das bereits zugegeben. Wagen Sie daher in dem Vertrauen zu Ihrer scharfen Urtheilskraft die Probe; ich denke, wenn Sie sich nicht täuschen wollen, werden Sie die Wahrheit leicht erkennen müssen

Ihre Bitte war jedoch vergebens und der Fürst weit entfernt, dieselbe zu erfüllen. Stets in solcher eindringlichen Weise herausgefordert, mehrte sich sein Unmuth nur noch, da er nicht in seiner gewöhnten Weise die Angelegenheit kategorisch zu erledigen vermochte, sondern sich gezwungen sah, Sidoniens Angriffe abzuwehren. Statt also ihrem Verlangen nachzugeben, verharrte er in seiner Lage und entgegnete:

»Sie irren in der ausgesprochenen Voraussetzung. Ich traue Ihnen wie allen Frauen die Kunst der Verstellung zu, sobald sie dazu herausgefordert werden, und somit verzichte ich auf eine so zweifelhafte Probe. Die entsprechenden Verhandlungen meiner Räthe werden mich überdies aller weiteren Einmischung in diese Angelegenheit überheben, die mir doppelt verletzend ist, da ich sie der Welt nicht ganz vorenthalten kann, obgleich man dabei mit aller Discretion zu Werke gehen soll. Und somit, Prinzessin, halte ich unsere Sache für erledigt und bestimme hiemit, sich bis zum Austrag derselben nicht aus der Residenz zu entfernen, noch sich irgend zu bemühen, den Aufenthalt des Grafen zu erforschen, oder etwa mit ihm in Correspondenz zu treten. Jeder Ihrer Briefe wird zu meiner Kenntniß gelangen und dürfte Ihnen daher keinen Vortheil bringen. Das bedenken Sie!«

Sidonie, durch seine scharfen Worte tief verletzt, trat von ihm zurück, blickte ihn einen Augenblick an und entgegnete alsdann:

»Es war mein Wunsch, mich nach dem bereits besuchten Badeort zu begeben, um mich meiner peinigenden Lage zu entziehen; ich will eine solche Bitte jetzt jedoch nicht aussprechen, da Ihre Worte mir jeden Muth dazu genommen haben. Ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Ihnen den tiefen Schmerz auszudrücken, den Ihre Strenge in mir erzeugt hat. Ich habe offen und ohne jeden Rückhalt zu Ihnen gesprochen, wie es mir mein gekränktes Gefühl gebot; ich glaubte nicht zu meinem Fürsten, sondern zu meinem Vater zu sprechen, und that dies in der Täuschung, daß Ihr Herz mir ein wenig Achtung und Liebe bewahrt hätte. Ich erkenne zu meinem innigsten Bedauern, wie unstatthaft diese Voraussetzung war und daß Sie in mir nicht mehr die Fürstin, nicht die zu achtende Frau, sondern nur noch die Verbrecherin sehen. Das schmerzt mich tief; denn ich ahnte nicht, diese Stätte mit einem so verletzenden Bewußtsein verlassen zu müssen. Doch ich erkenne, daß es nicht anders sein soll, und so sage ich Ihnen, mein Fürst, mit der Bitte Lebewohl, Ihre Gedanken auf mein offen vor Ihnen liegendes Leben zu richten und dasselbe in Ruhe zu prüfen. Finden Sie alsdann noch Veranlassung, den in Ihren Händen sich befindenden Beweisen und Ihren Zuträgern Glauben zu schenken, so habe ich nichts mehr zu sagen und nur noch meine früheren Worte zu wiederholen, daß zwischen uns, mein Fürst, trotz Ihrer Räthe, die Welt richten wird!«

Sie verneigte sich voll Würde und verließ festen Schrittes das Gemach.

»Unerhört, unerhört!« rief der Fürst entrüstet, nachdem er sich allein sah und rasch auf und ab schritt. »Ich glaubte leichtes Spiel mit ihr zu haben und erkenne nun, wie sehr ich mich täuschte! Welch ein fester, unerschrockener Charakter in diesem zarten Körper! Ich meinte, sie würde diese Schwelle gebrochen von Schuldbewußtsein verlassen, und sie schreitet nun stolz und sicher wie die Gekränkte in dem Gefühl des errungenen Uebergewichts über mich, ihren Fürsten! Das ist unerträglich, unerhört! Sie hat mir in die Seele gesehen; ich darf nicht daran zweifeln. Sie ist klug, ihr Blick scharf und nur schwer verbirgt sich vor ihr der geheime Gedanke. Doch mag das Alles sein; es soll meinen Willen nicht ändern und die Sache ihren Gang haben. Sie darf den Triumph nicht genießen, über mich gesiegt zu haben. Ich würde anders mit ihr verfahren sein, und es wäre mir lieb gewesen, hätte ich es thun können; nun darf ich es nicht mehr, jetzt will ich es nicht, und das Aeußerste soll und muß geschehen.«