Reich mit Mitteln versehen, traf der Kapitän in dem Curort ein, und ganz erfüllt von dem erhaltenen, so gewinnbringenden Auftrag, unterzog er sich demselben mit dem höchsten Eifer. Er hatte bald erlauscht, daß sich Sidonie viel auf dem Balkon ihres Hôtels aufhielt, und beobachtete sie aus dem nahe gelegenen Garten, in welchem seine Wohnung lag, die er sich als ganz besonders für seinen Zweck geeignet besorgt hatte. So gelang es ihm, nicht nur des Grafen Besuche bei Sidonien zu entdecken, sondern er bemerkte auch, daß sie sich bisweilen mit dem innigen Betrachten eines Medaillons beschäftigte. Durch Mühlfels in die Verhältnisse eingeweiht, glaubte er sich in der Annahme nicht zu täuschen, daß das letztere vielleicht des Grafen Portrait wäre. Gelang es ihm, sich in den Besitz desselben zu setzen, und sah er sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht, so war seiner Ansicht nach auch in Verbindung mit den von ihm gemachten Beobachtungen der Zweck erreicht. Es fragte sich jedoch, durch welche Mittel er sich das Medaillon aneignen könnte. Die Sache war im höchsten Grad schwierig und verlangte große Vorsicht, damit sein Spiel nicht verrathen wurde. Nur Jemand aus der näheren Umgebung der Prinzessin vermochte den zum Raub geeigneten Augenblick zu erlauschen und den letzteren auszuführen. Wer von den Dienern würde sich jedoch dazu gewinnen lassen; das fragte sich Bieberstein. Die Prinzessin sollte, wie er vernommen hatte, sich der ergebensten Dienerschaft erfreuen; es war also wenig Aussicht zur Erfüllung seines Wunsches vorhanden. Dennoch meinte er den Versuch dazu machen zu müssen. Er war erfahren genug, um zu wissen, daß dem Gelde selbst die treuesten Diener nicht zu widerstehen vermögen, besonders wenn ihre Dienste mit keiner Gefahr für sie verbunden, sondern obenein von hoher Stelle aus noch belohnt werden würden.
Der Zufall führte ihm bald einen der Diener in den Weg, und er zögerte nicht, diesen Umstand in seinem Sinn zu benutzen. Er prüfte mit der ihm eigenen Schlauheit sofort den Charakter des anscheinend gewandten Mannes und erkannte zu seiner angenehmen Ueberraschung, in demselben vielleicht das gewünschte Werkzeug seines Vorhabens gefunden zu haben. Er hatte sich in der That nicht getäuscht, und in nicht langer Zeit gelang es der Ueberredungskunst und seinen reichen Mitteln, den Diener seinen Absichten willfährig zu machen. Derselbe mußte ihm fortan alle irgend wichtigen Vorgänge, vor Allem jedoch die Besuche des Grafen und deren Dauer sofort mittheilen und zugleich sein Augenmerk auf das Entwenden des Medaillons richten. Die plötzliche Erkrankung des Kindes und die dabei obwaltenden, bereits näher bezeichneten Umstände erleichterten das Vergehen in hohem Grade. Denn nur der Zufall ließ den stets spionirenden Diener das Portrait entdecken. Er hatte sich nämlich kurz vorher, geschützt von der Dunkelheit, im Garten in der Nähe des Balkons aufgehalten und dabei Gelegenheit gefunden, Sidonie im Betrachten des Medaillons zu beobachten, und dieser Umstand im Verein mit den übrigen Verhältnissen ihm den Raub der Cassette sehr erleichtert. Wie fern lag Sidonien die Ahnung, in solcher Weise beobachtet zu werden; in der Ueberzeugung, auf dem Balkon vor jedem Lauscher gesichert zu sein, fiel es ihr nicht ein, irgend wie Vorsicht ausüben zu müssen. Um den Verdacht von sich und den Leuten der Prinzessin abzulenken, hatte der Diener die Lichte brennen lassen, damit vorausgesetzt würde, man habe von dem Garten aus die Cassette entwendet.
Alles Weitere ist uns in dieser Beziehung bekannt, und wir dürfen kaum hinzufügen, wie reich der Kapitän den Diener belohnte, nachdem er das gewünschte Medaillon wirklich gefunden hatte.
Bieberstein meldete dem Baron sofort das so höchst wichtige Resultat seiner Bemühungen und fragte bei ihm zugleich an, ob er sich dadurch befriedigt fühle; ehe er jedoch noch eine Antwort erhielt, wurde der nämliche Diener mit dem Ueberbringen des Briefes an den Grafen beauftragt. Neben dem Portrait konnte ein Brief von Sidonien an den Grafen das bedeutsamste Beweisstück von ihrem Verhältniß bieten, und der Kapitän hatte daher in dieser Erkenntniß den Diener, der, wie wir erfahren haben, die Briefe an den Grafen besorgte, sogleich angewiesen, ihm dieselben, bevor er sie ablieferte, einzuhändigen, damit er sie durchsehen und das Weitere darüber bestimmen könnte. Die bisherigen Briefe waren alle von Aurelien gewesen und ohne jede Bedeutung; das letzte Schreiben an den Grafen enthielt jedoch Sidoniens Worte, und so sah der Kapitän seine Mühe reich belohnt. Daß der Diener verschwand und nicht entdeckt werden konnte, war ein berechnetes Spiel, um den Raub zu verbergen und den Ersteren sicher zu stellen. Ueberdies wußte man nicht, ob der Fürst die dabei angewandten Mittel gebilligt haben würde, falls ihn die Prinzessin künftighin damit bekannt machte, was nicht gut ausbleiben konnte. Darum mußte der Diener sich nach seiner fern gelegenen Heimath begeben, und that dies um so lieber, da er nicht nur sehr reich beschenkt, sondern ihm auch für die Folgezeit eine sehr einträgliche Stelle in der Umgebung des Prinzen zugesichert worden war.
In welcher Weise der Kapitän überdies bemüht war, sich mit dem Grafen bekannt zu machen und sich in sein Vertrauen zu stehlen, haben wir bereits früher erfahren. Mit diesen Beweisen kehrte er zu Mühlfels zurück und wurde später von diesem angewiesen, die ersteren dem Prinzen im Geheimen zu überbringen.
Dieser war im hohen Grade erfreut darüber, erachtete es jedoch für besser, wenn dem Fürsten der Ueberbringer so wie die nähern Umstände zu dem Allen verschwiegen blieben, und sprach den Wunsch aus, ihm die Sachen auf der in den nächsten Tagen stattfindenden Redoute und zwar in Gegenwart des Fürsten als Maske zu überreichen. Das Weitere ist uns bekannt, so wie auch die unheilvollen dadurch hervor gerufenen Wirkungen.
Der Fürst war, wie wir erfahren haben, durch die Anklage der Prinzessin und die ihm übergebenen Beweisstücke für ihre Liebe in hohem Grade überrascht worden; denn er hatte bis zu diesem Augenblick die Untreue der Prinzessin für unmöglich erachtet; jetzt freilich war das anders. Dergleichen schlagende Beweise gestatteten keinen Zweifel mehr, und, unterstützt von seinen Ansichten über Frauentugend und -Sittlichkeit, erkannte er zu seinem nicht geringen Unmuth, von der anscheinend so einfachen Prinzessin durchaus getäuscht worden zu sein. Er gab sich dieser Ueberzeugung um so mehr und lieber hin, da er in der Prinzessin Schuld zugleich ein geeignetes Mittel erkannte, die Ehre des Prinzen zu retten.
Wir sehen, daß Sidoniens Voraussetzungen in dieser Beziehung durchaus begründet waren. Wenn sich vielleicht auch in dem Fürsten bisweilen einige Bedenken über die Angelegenheit erhoben und er eine im Geheimen wohl berechnete Intrigue ahnte, so übte das doch keinen solchen Einfluß auf ihn, um die ihm gebotenen Mittel abzuweisen. Im Gegentheil, Sidonie würde, so sagte er sich, auf ihrem Verlangen beharrt haben, die Trennung konnte also nicht umgangen werden, und so war er in hohem Grade erfreut, die Beweise von ihrer Schuld zu besitzen und der ganzen Angelegenheit eine so willkommene Wendung geben zu können.
Auf des Prinzen Wunsch erfolgte sofort Mühlfels' Begnadigung, nachdem der Erstere dem Fürsten die Vermuthung mitgetheilt, daß wahrscheinlich lediglich durch den Baron die Angelegenheit in solcher Weise arrangirt und zu ihrer Kenntniß gelangt wäre. Ueberdies ließ diese Annahme auch erwarten, daß Mühlfels vielleicht noch weitere Aufklärungen über diese Angelegenheit geben würde; um so mehr Grund für den Fürsten, den Baron sofort kommen zu lassen, der seiner Ansicht nach durch der Prinzessin begründete Schuld gerechtfertigt war, jedenfalls vor der Welt in solcher Weise gerechtfertigt wurde.
Denn nachdem der Fürst entschlossen war, die sich ihm darbietenden Vortheile in seinem Sinn zu benutzen, konnte es ihm nur erwünscht sein, auch selbst durch dergleichen Handlungen die Ueberzeugung von Sidoniens Schuld zu erkennen zu geben. An dem auf Sidoniens Unterredung mit dem Fürsten folgenden Tage fand eine Berathung des Letzteren und des Prinzen mit den Ministern statt, in Folge dessen eine Anklage gegen die Prinzessin erhoben und die weiteren Maßnahmen darin getroffen wurden.