»Du überzeugtest Dich davon?«

»Ich habe in seiner kalten, selbstsuchtsvollen Seele gelesen, trotzdem daß er sie mit dem ganzen Nymbus fürstlicher Gewalt und Hoheit, mit der ganzen Ueberlegenheit des geistvollen, in seinen Urtheilen unfehlbaren Mannes umgab, und daß ich mich trotz alledem nicht abhalten ließ, ihm seine eigenen Gedanken zu entziffern, daß ich mich erkühnte, mich in meinen Urtheilen ihm gleich zu stellen, ja sogar ein Uebergewicht über ihn gewann, entrüstete diesen an tyrannischen Gehorsam gewöhnten Mann so sehr, daß er sich endlich hinter seine Räthe flüchtete, um sich vor meinen Angriffen zu schützen.«

»O, mein Gott, was hast Du gethan!« rief Aurelie in großer Besorgniß aus, die Freundin mitleidsvoll betrachtend.

»Ich that, was ich thun mußte. Meine so tief gekränkte Ehre, die namenlose Ungerechtigkeit und vor Allem jedoch die verletzende Art, mit der mich der Fürst empfing und behandelte, riefen meine ganze Empörung wach, und so war es eine Ehrenpflicht, ihm dieselbe zu zeigen, um den Charakter meiner Schuldlosigkeit zu behaupten. O, meine Aurelie, Du hättest in meiner Stelle ebenso gehandelt und hättest es auch nicht anders gekonnt. In solcher Weise herausgefordert, wirst Du zu solchem Verhalten genöthigt.«

»So hast Du auch keine Nachsicht von dem Fürsten zu erwarten,« fiel Aurelie bewegt ein.

»Ich bin davon überzeugt,« entgegnete Sidonie ruhig und starr vor sich hinblickend.

»Doch meintest Du, ihn zur Anerkennung Deiner Unschuld genöthigt zu haben.«

»Daß ich schuldlos bin, weiß er; doch wenn ich auch über ihn siegte, so kehre ich doch als ein zu Tode getroffener Sieger zurück, über welchen meine Feinde bald frohlocken werden, da sie, wie der Fürst, mein Verderben wollen und es auch erreichen werden.«

»So wäre vielleicht doch noch nicht jede Hoffnung verloren,« bemerkte Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt und entgegnete verzichtend: