»Eine innere Stimme sagt mir, daß ich der Politik des Fürsten zum Opfer fallen muß und darauf die Intrigue angelegt worden ist. Höre das Nähere derselben und Du wirst mir Recht geben und meine Besorgniß theilen.« Und sie erzählte Aurelien darauf alle Einzelnheiten der stattgefundenen Unterredung, und diese sah sich, gleich Sidonien in Folge dessen genöthigt, anzuerkennen, worauf es in diesem Fall abgesehen war und daß nur der Prinz und Mühlfels die Anstifter der Uebelthat sein konnten. Jetzt auch vermochten sie sich das räthselhafte Verschwinden der Cassette und des Dieners zu erklären, jetzt aber auch erkannten sie, mit welcher Schlauheit und Berechnung man zu Werke gegangen war, um in den Besitz der Mittel zu ihren übeln Zwecken zu gelangen.
»Du erkennst, meine theure Aurelie,« fuhr Sidonie fort, »daß ich unter den obwaltenden Umständen auf keine Schonung zu hoffen habe und mich daher an den Gedanken gewöhnen muß, Alles, was die Gewalt über mich zu verhängen für gut findet, über mich ergehen zu lassen. Wie soll ich mich anders vertheidigen, als ich es bereits gethan? Ich weiß es nicht. Von meinem Bruder habe ich keinen Beistand zu erwarten; vielmehr fürchte ich, er wird des Fürsten Meinung über mich theilen und mir daher nur noch mehr zürnen. Wer würde es sonst noch wagen, gegen den Fürsten und für mich aufzutreten? Niemand; denn Alle fürchten sich, den allmächtigen Regenten zu erzürnen. Mag denn geschehen, was da will; ich bin auf Alles gefaßt.«
Also sprach Sidonie in der richtigen Erkenntniß ihrer Lage.
»O, daß selbst das reinste Gefühl vor der Verunglimpfung nicht mehr gesichert ist!« rief Aurelie in schmerzlicher Entrüstung.
»Wie kann Dich das überraschen im Hinblick auf die sittenlose Welt, in der wir leben?« fragte Sidonie. »Wie sollten diese Menschen an eine edle, reine Liebe glauben, deren sie selbst nicht fähig sind? Sie beurtheilen mich nach sich, wie das stets ist. Wäre ich wie sie, würde mich kein Vorwurf treffen; meine Schuld besteht in der Anmaßung, besser sein zu wollen, wie sie. O, jetzt ist mir mancherlei klar geworden, was ich früher nicht verstanden habe!«
Sidonie schwieg und blickte schmerzvoll vor sich hin; ihre Gedanken flohen trotz aller Bedrängniß zu dem Manne ihrer Liebe, dessen Aufenthalt und Lage ihr unbekannt war.
»O,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »ich würde Alles, Alles leichter ertragen, quälte mich nicht der Gedanke, den edeln Grafen so tief verletzt zu wissen, zu wissen, daß ich ihn in mein Unglück hinein gezogen habe! Wie unendlich tief wird er leiden, seine Ehre also gekränkt zu sehen, er, auf dessen Charakter kein Makel haftet! Doch eine Hoffnung beseelt mich und läßt mich erwarten, daß die Gräfin Römer sich bei dem Fürsten für ihren Sohn verwenden und vielleicht dadurch seine entehrende Lage abgekürzt werden wird. Wie sehr wird die gute Frau gleich ihm leiden, und wie wenig angenehm wird ihr die Erinnerung an die Urheberin ihres Kummers sein!« —
»So gestand der Fürst des Grafen Verhaftung zu?«
»Er that es in seiner Art, ohne doch auf meine Bitte, den Grafen frei zu geben, zu achten, und wurde in hohem Grad ungehalten, als ich ihn erinnerte, sich dadurch zu compromittiren.«
»Seine Eitelkeit ertödet jedes bessere Gefühl in ihm.«