»So ist es in der That. Der Zweck, den er sich vorausgesetzt, der zu erzielende willkommene Vortheil geht ihm über Mitleid und Gerechtigkeit, und indem er über uns Strafen verhängt, will er unsere Schuld begründen und sie vor aller Welt darlegen. Das, ich bin überzeugt, ist seine Politik und dazu sind ihm alle Mittel recht.«
»Trotz alledem dürfen wir uns nicht geduldig den Verhältnissen hingeben und müssen auf Mittel sinnen, durch welche Deine Schuldlosigkeit erwiesen wird.«
»Wen könnte ich anrufen? Unter den Fürsten habe ich Niemand, der sich meiner annehmen würde, besonders da ich meine Liebe eingestanden habe. Ueberdies bin ich eine Gefangene.«
»Wie?!« fragte Aurelie erschreckt.
»Ich darf auf Befehl des Fürsten die Stadt nicht verlassen, und ebenso wird jeder meiner Briefe durch seine Hände gehen.«
»O, schrecklich, schrecklich!« rief Aurelie und fügte alsdann hinzu: »Doch mag das Alles sein, so bin ich doch frei und kann für Dich wirken.«
»Was vermöchtest Du, meine Gute? Wohin könntest Du Dich wenden, ohne von des Fürsten Gewalt ereilt zu werden und Deine Mühen wirkungslos gemacht zu sehen? Wir müssen das Alles aufgeben, da es fruchtlos wäre, und abwarten, welche Schritte der Fürst thun wird und welches Urtheil seine Räthe über mich fällen. Ich besitze nur ein Mittel, das meine Ehre retten kann, und das ist meine Schuldlosigkeit; vertrauen wir dieser.«
Weinend umarmten sich die Freundinnen und knüpften, nachdem sie sich wieder gesammelt hatten, neue Betrachtungen und Erwägungen über Sidoniens Lage an. Und während dessen neigte sich der Tag, es nahte der traurige Abend und die ruhelose Nacht, ohne daß Trost in ihre Herzen kam; vielmehr erfüllte Sidonie immer mehr die Ueberzeugung, das Uebelste noch nicht erduldet zu haben.
Wie sehr hätte es sie beglückt, wenigstens der Nähe dieser ihr so übelgesinnten Menschen entfliehen und in stiller Abgeschiedenheit das über sie verhängte Loos erwarten zu können; doch auch dieser Trost war ihr versagt; denn sie war ja eine Gefangene.