Es lag in der Natur der Verhältnisse, in welchen sich der Graf befand, daß er mit verschiedenen Beamten in der Festung bekannt wurde; einer derselben, der ihn auf seinen Ausgängen zu begleiten pflegte, hatte ihm schon öfter angedeutet, daß seine Haft wahrscheinlich sehr lang ausgedehnt sein würde, und sein Befremden ausgedrückt, daß der Graf die ihm gebotene Freiheit nicht zu einer Flucht benutzte, indem er ihm dabei zugleich zu verstehen gab, wie gern er ihm dabei seinen Beistand gewähren würde. Der Graf hatte ihm dafür gedankt, zugleich aber auch seine Absicht ausgesprochen, sich ruhig in die über ihn getroffenen Maßnahmen fügen zu wollen, da er seiner Ueberzeugung nach ungerecht leide und also auch eine entsprechende Genugthuung zu verlangen hätte.
Der Beamte zuckte die Achseln und erinnerte ihn, wie wenig von der Rücksicht des Fürsten zu erwarten sei, vielmehr mit Sicherheit vorausgesetzt werden müßte, daß dieser, nun es einmal so weit gekommen, auch mit aller Strenge verfahren und sich hüten würde, durch irgend welche Maßnahme eine Blöße zu geben. Er unterließ dabei nicht, ihm den besondern und starren Charakter des Fürsten in das Gedächtniß zu rufen, indem er zugleich andeutete, daß derselbe sich leicht über eine ungerechte Verhaftung hinweg setzen würde, sobald eine solche seinen Zwecken entsprach.
Seine Worte und sein Verhalten verriethen zugleich die aufrichtigste Theilnahme an dem Geschick des Grafen; auch sprach er die Ueberzeugung von dessen Unschuld so wie das herzliche Bedauern aus, einen so edeln Mann einer schändlichen Intrigue geopfert zu sehen, so daß der Graf weit entfernt war, hinter alledem ein falsches Spiel zu ahnen. Dennoch war dem so und der Beamte auf den geheimen Befehl des Fürsten zu diesem Verhalten veranlaßt worden, um den Grafen zur Flucht zu bestimmen. Das sichere Benehmen des Letzteren, so wie das Ansehen, in welchem Römer stand, und die ihm so allgemein gezollte Verehrung ließen den Fürsten besorgen, man würde seine Maßregeln gegen diesen einer strengen Beurtheilung unterziehen und ihm daraus mancher Vorwurf erwachsen. Denn es lag die Voraussetzung nicht eben fern, daß sich der ganze Adel durch die gegen Römer angewandte Strenge verletzt fühlen würde, selbst wenn dessen Schuld begründet werden könnte. Darum bot man diesem auf's Neue die Gelegenheit zur Flucht, um allen weiteren so unbequemen Verhandlungen rasch ein Ende zu machen.
Der Fürst ahnte freilich nicht, wie wenig Römer sich dazu geneigt fühlte, so wie, daß dieser ein Ausharren unter den obwaltenden Umständen für sein Interesse durchaus nothwendig erachtete.
Die sich trotz seiner Ablehnung dennoch wiederholenden Anträge des Beamten erzeugten in dem Grafen bald einen Verdacht gegen die Aufrichtigkeit desselben; er war jedoch vorsichtig genug, ihm dies nicht zu erkennen zu geben, sondern lehnte dessen Vorschläge stets dankbar und mit dem Hinweis auf seinen festen Willen, die Maßnahmen des Fürsten ruhig abwarten zu wollen, ab. Er wurde in Folge dessen durch weitere Anträge von Seiten des Beamten nicht mehr beschwert; dagegen jedoch bald darauf durch das Bedauern des Commandanten überrascht, seine Freiheit zufolge erhaltener Befehle beschränken zu müssen. Dies erfolgte denn auch bald, und es wurden dem Grafen fortan die ihm so angenehmen Ausgänge nicht mehr gestattet und obenein sogar seine Haft noch verschärft. Dieser Umstand überzeugte Römer noch mehr, sich hinsichts des Beamten nicht getäuscht zu haben. Um ihn zur Flucht zu verleiten, bot man ihm die besten Gelegenheiten dar; als dieses Mittel jedoch nicht fruchtete, versuchte man es auf's Neue mit Strenge, um ihm den Aufenthalt in der Festung wenig erträglich zu machen und dadurch den Wunsch nach Freiheit in ihm zu erregen. Indem Römer alle diese Maßnahmen durchschaute, schickte er sich, treu seinem Vorsatz, mit Geduld in seine Lage.
Sein Verhalten sollte bald einen sehr überraschenden Erfolg herbeiführen, der zugleich wohl geeignet war, seine früheren Voraussetzungen, ihn zur Flucht zu verleiten, nur noch mehr zu bestätigen.
Nachdem man ihn nämlich ungefähr drei Wochen in strenger Haft gehalten hatten, erfreute ihn der Commandant plötzlich mit der angenehmen Nachricht, daß es ihm wieder gestattet sei, ihm die Ausgänge zu erlauben. Wenngleich der Graf diese Maßnahme als einen neuen, ihm gelegten Fallstrick erkannte, war es ihm doch sehr angenehm, sich der gewährten Freiheit auf's Neue erfreuen zu können.
Ohne dies seiner Umgebung zu verrathen, hatte er sich schon lange mit Ungeduld nach frischer Luft und dem Anblick der Natur und des Lebens und Treibens der Menschen gesehnt. Die winterliche Luft, seine einsame und einfache Wohnung, die nur eine Aussicht auf die hohen, kahlen Festungswälle gewährte, die ihn umgebende, fast beängstigende Stille, welche höchstens durch das Klirren von Gewehren, den einförmigen Schritt der Wachen und das Commando der ausgestellten Posten unterbrochen wurde, und der immer größer werdende Mangel an geistiger Unterhaltung wirkten beengend und niederbeugend auf ihn. Denn es muß bemerkt werden, daß ihm fortan nicht nur die Lectüre spärlich zuging, sondern auch die früheren Besuche der beiden Edelleute verwehrt wurden und er überdies täglich nur eine kurze Zeit auf den Wällen frische Luft schöpfen durfte. Und wie endlos waren die dunkeln, durch Sturm und Regen noch übler gemachten Winternächte, denen trübe, oft durch Schneegestöber verdunkelte, unbehagliche Morgen folgten und sich so der Abend schon an sie knüpfte, bevor noch der kurze Tag sich geltend zu machen vermochte! — Rechnet man zu dem Allen noch das den Grafen beherrschende Seelenleiden, so wird es nicht überraschen, zu erfahren, daß er tief darunter litt und sich die Wirkungen der strengen Haft bald in dem matten Auge und der kränklichen Blässe seines Antlitzes zu erkennen gaben. Dennoch sprach er niemals eine Klage oder einen Wunsch aus, obwol er dazu häufige Veranlassungen hatte und sein Befinden ihn dazu nöthigte. Sein Stolz konnte sich dazu nicht verstehen, und so begnügte er sich mit denjenigen Erleichterungen, welche man ihm freiwillig gewährte. Alle diese Umstände werden zur näheren Erkenntniß und Werthschätzung seines Charakters beitragen und zugleich seine angenehme Ueberraschung über die ihm auf's Neue gewährte Freiheit begründen.
Er zögerte nicht, dieselbe sogleich zu benutzen, und auch jetzt wurde ihm der frühere Beamte zur Begleitung beigegeben. Welch' hohe Lust gewährte ihm der erste Ausgang trotz der winterlichen Natur und der rauhen Witterung! Wie freudig begrüßte er die so lange nicht mehr gesehenen Orte, und wie verlangend schweiften seine Blicke von der Nähe in die Weite, der fernen, unerreichbaren Geliebten gedenkend.
Von der frischen Luft erquickt und angeregt von dem sich in Freiheit entfaltenden Treiben der Menschen, erwachte der lebhafte Drang in ihm, sich seiner Fesseln zu entledigen.