Die Versuchung dazu war groß und wurde durch das Verhalten des Beamten noch wesentlich unterstützt, der sich mit dem Vorgeben, Bekannte in der Stadt zu besuchen, für längere Zeit entfernt hatte.
Römer war daher unbeobachtet und konnte überdies über ein paar Stunden nach Belieben verfügen, ehe man ihn aufsuchte; dennoch überwand er seine Sehnsucht, seinem Vornehmen getreu, und kehrte wie gewöhnlich unbefangen nach der Festung zurück, vielleicht von dem ihn dabei gewahrenden Commandanten nicht eben gern gesehen. Seine ferneren Ausgänge wurden durch die bezeichneten Momente nicht mehr getrübt; sein fester Wille hatte ihn beruhigt. Das Verhalten des Beamten änderte sich dabei nicht, und so geschah es, daß er eines Tages wie gewöhnlich ohne dessen Begleitung auf der neben der Stadt gelegenen Promenade dahin schritt. Das Wetter war ziemlich gut; die Sonne konnte sich geltend machen und verlieh der Gegend ein freundlicheres Aussehen. Auch hatte ein trockener Frost die Wege gangbar und ziemlich bequem gemacht. Römer erreichte nach einem raschen Gange eine einsame Stelle, ohne zu bemerken, daß ihm ein einfach gekleideter Herr folgte und sich bemühte, ihn zu erreichen.
Als dem Letzteren dies endlich gelungen war und er sich Römer auf Hörweite genähert hatte, blickte er sich vorsichtig nach allen Seiten um und rief alsdann des Grafen Namen.
Dadurch überrascht, wandte sich dieser um, worauf der Herr ihm ein Zeichen machte, ihn zu erwarten.
Erwartungsvoll sah Römer seinem Nahen entgegen, und seine Ueberraschung steigerte sich schnell, als er in dem Herrn einen Befreundeten erkannte, den er in einer so unscheinbaren Kleidung nicht vermuthet hatte.
Baron von Steinwerth, ein Jugendfreund des Grafen, begrüßte ihn herzlich und brachte ihm Grüße von seiner Mutter und Familie. Zugleich überraschte er ihn durch die Mittheilung, daß man auf die von Aurelien erhaltene Nachricht von des Grafen muthmaßlicher Verhaftung sogleich bedacht gewesen, seinen Aufenthalt zu entdecken. Dies sei ihnen jedoch erst nach längerer Zeit möglich geworden, worauf er sich alsdann sofort hieher begeben habe, um die Gelegenheit zu erspähen, dem Grafen irgend eine Mittheilung zugehen lassen zu können und von diesem zugleich zu erfahren, in welcher Weise man ihm nützlich sein könnte. Man erachtete dies für durchaus nothwendig, bevor man Schritte zu seiner Befreiung that. Der Freund befand sich schon seit mehren Wochen in der Stadt, ohne daß es ihm gelungen war, dem Grafen seine Nähe anzuzeigen. Doch hatte er erfahren, daß man Römer früher längere Spaziergänge nach der Stadt und deren Umgebung gestattet hätte, und dieser Umstand ihn veranlaßt, sich über die Zeit, in welcher dieselben gemacht wurden, so wie über die dabei obwaltenden Umstände Gewißheit zu verschaffen, um darnach sein ferneres Verhalten einzurichten.
Seit Wochen hatte er nun aus den bekannten Gründen vergeblich gewartet, bis es ihm heute endlich gelang, den Freund zu treffen.
In welch' freudiges Erstaunen der Graf durch das Vernommene versetzt wurde, darf kaum erwähnt werden; hatte er doch, wie wir wissen, bereits alle Hoffnung, Nachricht von seinen Lieben zu erhalten, aufgegeben. Und so dankte er dem Freunde auf das herzlichste für den Beweis seiner Liebe, beruhigte ihn über das etwaige baldige Erscheinen des Beamten, indem er ihm die Gründe dazu bezeichnete, und erbat sich alsdann Nachricht über Sidonie. Der Baron vermochte ihm nur wenig zu sagen, da die Verhandlungen durchaus geheim gehalten wurden und davon noch kaum etwas bekannt geworden war. Eben so wenig war er mit Sidoniens Gefangenschaft vertraut, obwol er erfahren hatte, daß dieselbe ihr Palais nur selten verlassen und überhaupt ein sehr stilles und zurückgezogenes Leben führen sollte. Er gab dem Grafen jedoch zugleich das Versprechen, sich, sobald er mit dessen Wünschen über die auszuführenden Schritte bekannt gemacht sein würde, nach der Residenz zu begeben und dabei Aurelie und, wenn es die Verhältnisse irgend gestatteten, auch selbst die Prinzessin aufzusuchen und sie von des Grafen Geschick zu unterrichten. Der Letztere beeilte sich darauf, ihm mit wenigen Worten die verletzende Art seiner Verhaftung mitzutheilen, indem er dieselbe lediglich als die Folge seines Verhältnisses zu Sidonien bezeichnete und daran die Ueberzeugung knüpfte, daß jedenfalls auch die Prinzessin gleich ihm von den harten Maßnahmen des Fürsten betroffen worden sein müßte. Mit freudigem Dank nahm er das ihm gemachte Anerbieten, sich in seinem Interesse direct an den Fürsten zu wenden, an, indem er zugleich bat, sich wegen der erlittenen Ehrenverletzung zu beklagen und gegen seine Haft in strengster Form zu protestiren. Wie und in welcher Weise dies am geeignetsten geschehen könnte, mußte er seinen Befreundeten überlassen, die, wie ihn der Baron versicherte, von seiner Schuldlosigkeit, so wie von der gegen ihn gesponnenen Intrigue überzeugt waren.
Um einer möglichen Ueberraschung von Seiten des Beamten vorzubeugen, kürzte der Graf die Unterredung ab, und die Freunde schieden mit der Verabredung von einander, sich am nächsten Tage an diesem Orte wieder zu treffen und Weiteres zu besprechen. Die glückliche Stimmung zu bezeichnen, in welcher der Graf heute in seine Haft zurück kehrte, dürfte kaum nothwendig sein; wissen wir doch, wie sehr er bisher unter dem Entbehren aller Nachrichten von seinen Lieben gelitten hatte. Freilich mangelte ihm dasjenige, wonach seine Seele ganz besonders verlangte: eine genauere Kenntniß von Sidoniens Lage und der über sie verhängten Maßnahmen; doch, wenn er diese auch entbehren mußte, fühlte er sich doch schon hoch beglückt, endlich eine geeignete Gelegenheit gefunden zu haben, sie mit seinem Geschick bekannt machen zu können und das ihrige kennen zu lernen. Und er athmete nach vielen Monaten endlich wieder freier auf, durch die angenehme Aussicht erfreut und beruhigt, daß in Folge der Bemühungen seiner Freunde seine Lage nun nicht mehr lange unentschieden bleiben könnte.
Als er sein Zimmer erreicht hatte und nun in der Stille das Erlebte erwog, erwachte der Wunsch mit großer Lebhaftigkeit in ihm, Sidonien ein paar Worte zu schreiben. Er wußte nur zu wohl, wie sehr er sie dadurch erfreut haben würde; dennoch befriedigte er sein Verlangen nicht. Er hatte sein Wort gegeben, sich jeder geheimen schriftlichen Mittheilung zu enthalten, und ihm war sein Versprechen zu heilig, um es auch selbst unter den obwaltenden Umständen zu brechen, und so blieb der Brief ungeschrieben.