»Ist es Dir also recht?« fragte dieser mit einem Anflug von Ironie in der Stimme, als der Prinz die Durchsicht vollendet hatte.

»Ich habe dieses Urtheil erwartet und Sidonie verdient es,« fiel der Prinz mit Befriedigung ein.

Der Fürst betrachtete seinen Neffen einige Augenblicke schweigend, alsdann entgegnete er in einem eigenthümlichen Ton:

»Die Sentenz konnte nicht anders ausfallen; ob die Prinzessin dieselbe jedoch verdient, dürfte eine Frage sein.«

»Mein gnäd'ger Fürst!« rief der Prinz bestürzt und trat einen Schritt von ihm zurück, indem er ihn fragend anschaute.

»Ich glaube eine Berechtigung zu dieser Frage zu besitzen,« fuhr der Fürst in fast scharfem Ton fort, »und will Dir nicht verhehlen, daß die Art der Herbeischaffung der Beweise für ihre Schuld allerlei Gedanken in mir erzeugt hat.« —

»Die Umstände nöthigten dazu, mein Fürst!« fiel der Prinz ein.

»Wir wollen diese Dinge nicht weiter untersuchen. Sie dienen unserm Zweck, haben den gewünschten Effect erzielt, und somit sind weitere Auseinandersetzungen überflüssig. Ueberdies vertragen manche Angelegenheiten auch nicht dergleichen, und alsdann ist es klug, sich davon fern zu halten und, sie benutzend, eben gehen zu lassen. Du magst diese Sache mit Dir abmachen, und ich meine, daß Dir das nicht eben schwer sein wird. Ich bin mit der Sentenz einverstanden, wenngleich — — in meinem Sinne,« bemerkte der Fürst, in dessen Antlitz sich ein gedankenvoller, fast trüber Zug zu erkennen gab.

»So wären wir am Ziel!« fiel der Prinz erfreut ein.

»Daß wir dieses erreichen würden, habe ich nicht bezweifelt. Meine wie Deine Wünsche sind erfüllt, und das ist die Hauptsache. Doch kann ich Dir nicht verhehlen, daß, indem das Interesse des Staats also gewahrt worden ist, jetzt auch die Pflicht an Dich herantritt, künftig durch Dein Verhalten zu beweisen, daß Dir das erstere wirklich bedeutungsvoll ist und Du Deinen fürstlichen Stand und seine Gewalt nicht lediglich als Mittel zur Befriedigung niederer Leidenschaften betrachtest. Nur indem der Fürst jenes zu wahren versteht, finden seine Schwächen Entschuldigung. Einem Manne von Kopf hält man dergleichen stets zu gut und übersieht sie, während man den Beschränkten nur nach seinen Fehlern beurtheilt, die selbst Herzensgüte nicht auszugleichen vermögen. Vor Allem erwarte ich jedoch mit Bestimmtheit, daß Deine nun einzugehende Ehe keinen Anlaß zu ähnlichen Ereignissen, wie die gegenwärtigen, bieten wird. Es wird fortan Deine Aufgabe sein, die Welt zu überzeugen, daß die Prinzessin nicht ungerecht verurtheilt worden ist.« Der Fürst schwieg, durchschritt ein paarmal das Gemach und fuhr alsdann fort: »Da, wie ich voraussetzen muß, Du keine Zuneigung für eine Prinzessin hegst, so werde ich Sorge tragen, Dir eine Gemahlin auszuwählen. Deine neue Vermählung soll bald erfolgen, da ich ruhiger sterben würde, wenn ich die Thronfolge gesichert wüßte.«