Der Fürst bezeichnete hierauf einige Prinzessinnen, die er kennen gelernt und die seinen Beifall gefunden hatten, und der Prinz erklärte seinem fürsorglichen Oheim, sich seiner Wahl ganz unterwerfen zu wollen.
Da in solcher Weise ihr Interesse erledigt worden war, trennten sie sich. Der Fürst schien zu einer weiteren Unterhaltung überdies keine Neigung zu hegen. Als er sich allein sah, durchschritt er wieder gedankenvoll das Gemach. Trotz der stattgefundenen Unterredungen schien er dennoch die ihm nothwendige Ruhe nicht gefunden zu haben. Nach kurzer Zeit fiel sein Auge auf die Sentenz, welche offen auf seinem Schreibtisch lag. Er hatte dieselbe noch nicht unterzeichnet. Ihr Anblick schien ihn zu bewegen. Er ergriff sie, hielt sie einige Augenblicke sinnend in der Hand, legte sie alsdann auf ihre Stelle und nahm seinen Gang wieder auf, während er einige Worte leise vor sich hin sprach und seinen Gedanken auf's Neue nachzuhängen schien. Sein Auge blitzte düster und ein fast melancholischer Zug machte sich in seinem gefurchten Antlitz geltend. Es war so einsam und still in dem Gemach. Vor und in dem Palais vernahm man nicht das geringste Geräusch; eben so geräuschlos war des Fürsten Schritt auf dem Teppich. In dem Kamin waren die Kohlen zu einem Häuflein Asche verglüht; er blieb davor stehen und schaute sinnend darauf. Nichts störte ihn darin. Niemand befand sich in seiner Nähe, dem er seine Gedanken und Empfindungen hätte mittheilen mögen, wozu ihn vielleicht seine Stimmung drängte. Selbst die Windspiele hielten sich still und hatten sich beim Eintreten des Kammerherrn auf ihre bequemen Lager begeben und schliefen jetzt. Nur das Ticken der Pendule vernahm man.
Nach kurzer Zeit begab sich der Fürst an das Fenster und schaute hinaus; er erblickte nur ein paar Wachen in der Ferne, sonst Niemand. Die Bäume zeigten erst Knospen, und die ersten Frühlingsblumen hatten sich an sonnigen Stellen aus der feuchten Erde erhoben und bildeten einen farbigen Kranz um die Marmorstatuen, welche den Platz vor dem Palais schmückten. Wie es schien unbefriedigt, wandte sich der Fürst davon ab und durchschritt auf's Neue das Gemach. Endlich blieb er stehen und richtete das Auge auf mehre auf einem Tisch befindliche Bücher. Eins derselben war geöffnet und zeigte den Namen: »Macchiavelli.« Einzelne Stellen darin waren unterstrichen und am Rande mit einem Stift Bemerkungen gemacht. Er näherte sich dem Tisch und ließ sein Auge einige Augenblicke auf dem Buche ruhen; alsdann ergriff er mit einem raschen Entschluß die Feder und setzte mit flüchtigem und hörbarem Zuge seinen Namen unter die in der Nähe liegende Sentenz.
Sidoniens Schicksal war entschieden. Darauf ließ er sich am Kamin in einem Fauteuil nieder, und auf ein von ihm gegebenes Zeichen erhoben sich die Windspiele, eilten zu ihm und umschmeichelten seine Kniee. Er beachtete sie jedoch kaum und schien noch von seinen Gedanken erfüllt zu sein; denn über seine Lieblinge fortschauend, sprach er leise vor sich hin:
»Der Fürst darf nur so viel Mensch sein, als es ihm das Staats-Interesse erlaubt.« —
Der Prinz kehrte in der besten Stimmung nach seinem Palais zurück. Die Sentenz über Sidonie hatte ihn in hohem Grade befriedigt, indem dieselbe seine rachsüchtigen Wünsche stillte. Es verstand sich von selbst, daß er bemüht gewesen, seinen ganzen Einfluß geltend zu machen, damit das Urtheil in der vorhandenen Fassung gefällt wurde. Ueberdies waren die Richter mit des Fürsten Intentionen in dieser Angelegenheit genügend bekannt, um trotz Sidoniens reinem Lebenswandel einem Bedenken Raum zu geben. Sichtbare Beweise und Zeugenaussagen thaten das Ihrige, Sidoniens und des Grafen Schuld zu begründen, und somit befanden sich die Herren in der angenehmen Lage, sowol des Fürsten als auch des Prinzen Wünsche durchaus zu befriedigen. Mühlfels, mit dem Schluß der Verhandlungen bekannt gemacht, erwartete den Prinzen in dessen Palais und wurde von diesem mit den freudigen Worten begrüßt:
»Nun, Mühlfels, der Spruch ist gefällt; wir sind gerächt!«
»So wünsche ich Ihnen und mir Glück dazu. Hoheit sind nun endlich eine Bürde los, die Sie fortwährend unangenehm belästigte.«
»In der That, es war so, und ich würde mich noch mehr darüber freuen, wenn mir nicht bereits neue Fesseln drohten, denn der Fürst hat mir soeben mitgetheilt, eine neue Gemahlin für mich zu besorgen.«
»Fürchten Sie nichts, mein Prinz. Der Fürst ist meines Erachtens durch das Erfahrene vorsichtig genug gemacht worden, um die Neuwahl mit ganzer Sorgfalt zu betreiben; auch setze ich voraus, Hoheit werden dieses Mal selbst bedacht sein, sich von dem Charakter der zu Wählenden genügend zu überzeugen.«