»Sie mag Marianen zu erkennen geben, daß ich mit ihren Vorschlägen einverstanden bin.« —
Aus dieser Unterredung werden wir leicht entnehmen können, welchen geringen Eindruck des Fürsten bedeutsame Worte auf den Prinzen erzeugt hatten und wie weit dieser entfernt war, irgend ein sittliches Bedenken wegen seiner neuen Anordnungen betreffs der Befriedigung seiner Leidenschaft zu hegen. Diese Momente lassen zugleich auf sein künftiges sittliches Verhalten schließen, sobald er als Regent keine Rücksichten mehr zu nehmen genöthigt ist, und wir werden später erfahren, daß er seinem Charakter durchaus treu blieb.
Mühlfels traf, als er zu seiner Mutter zurückkehrte, um sich des von dem Prinzen erhaltenen Auftrages zu entledigen, die Baronin in sehr eifrigem Gespräch mit Boisière.
Dieser hatte sich nämlich beeilt, der Freundin die Nachricht von der über Sidonie gefällten Sentenz so rasch als möglich zu überbringen, da er wußte, welche große Freude die Baronin darüber empfinden würde.
Und so war es auch, und die Befreundeten befanden sich in der behaglichsten Stimmung, die sich von Seiten des Chevaliers in der höchsten Zuvorkommenheit gegen die Baronin und von ihrer Seite in der liebenswürdigsten Koketterie gegen den theuern Chevalier zu erkennen gab, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die fleischige Hand der Baronin mit Grazie an die Lippen zu führen, und so ein würdiges Seitenstück zu der koketten Dame bildete. Mühlfels lieferte das fehlende entsprechende Blatt zu diesem Bouquet von Leerheit des Gemüths, Hohlheit des Charakters, niederer Denkungsart und ausgeprägtester Selbstsucht, das überdies, durch raffinirte Schlauheit, Intriguensucht und Augendienerei vervollkommnet, eine charakteristische Verkörperung des damals herrschenden Zeitgeistes bildete.
Mit welcher behaglichen, freundlichen Miene wurde die unglückliche Prinzessin verdammt, obgleich vielleicht alle Drei nicht an deren Schuld glaubten. Doch das galt ihnen gleich, da ihre eigenen außerordentlichen Vorzüge dadurch um so mehr zur Geltung gelangten. Ueberdies gewährte es namentlich Mutter und Sohn eine hohe Befriedigung, die stolze, sich über Alle erhebende Prinzessin in solcher Weise gedemüthigt und gekränkt zu sehen, und es zeigt sich auch in diesem Fall, daß die Schlechten das Bessere im Menschen nicht dulden mögen und eine Wollust empfinden, es mit Haß zu verfolgen und mit Begier das falsche Herz an ihrem Unglück zu weiden.
Dies war auch selbst hinsichts Boisière und der Baronin der Fall, obgleich der Erstere niemals etwas Uebles von Sidonien erfahren hatte, und die Letztere lediglich durch das Interesse ihres Sohnes dabei betheiligt war.
Es war aber die Sache an sich, das Pikante derselben, welche ihre innerste Natur herausforderte; denn wie wir wissen, ging ihnen nichts über eine Angelegenheit, in welcher die Tugend zu Falle gekommen war, oder Ungeschick oder Zufall den Schleier von einem pikanten Geheimniß gelüftet hatte.
Das Glück dieser Stunde wurde für die Baronin noch ganz besonders durch die Mittheilung von des Prinzen Auftrag erhöht, den ihr der Sohn nach dem Entfernen Boisière's vertraute. Die von ihr begehrte Dienstleistung erhob sie mit einem Schlage zu einer wichtigen Person in dieser difficilen Angelegenheit. Es galt, den Wunsch des Prinzen zu erfüllen und dadurch ein befriedigendes Verhältniß zwischen ihm und Marianen herzustellen, und daß ihr dies gelingen würde, war für sie keine Frage. Dadurch verband sie sich jedoch nicht nur dem künftigen Regenten, sondern gewann auch überdies einen nicht geringen Einfluß auf Mariane, und in welcher Weise sie diese Momente zu ihrem Vortheil auszubeuten hoffte, haben wir bereits früher angedeutet. Was ihrem Herzen jedoch ganz besonders wohlthat, war der Umstand, daß sie Marianen zugleich die Nachricht von der endlichen Trennung der Ehe der Prinzessin mittheilen konnte, die dem Mädchen, wie sie voraussetzen durfte, eine große Freude bereiten mußte.
Von allen diesen Gedanken bewegt, entwarf sie, nachdem ihr Sohn sie verlassen hatte, sofort den Brief an Mariane, den sie denn auch im Lauf einiger Stunden mit großer Ueberlegung zu Stande brachte. Als sie denselben nach seiner Fertigung überlas, war sie mit der Fassung sehr wohl zufrieden und eben so sehr überzeugt, daß sich Mariane dem Wunsch des Prinzen fügen würde. —