»Wenigstens gewährt Dir dieselbe den Vortheil, dem Hofe entfliehen zu können,« bemerkte Aurelie.

»Gewiß, gewiß, und den darf ich nach dem Erfahrenen in der That nicht gering anschlagen. Wir werden uns dort eine neue Heimath gründen, welche Liebe und Freundschaft verschönen wird. Dort werde ich mit noch größerer Sorgfalt meinen Mutterpflichten genügen können, dort wird sich mein Kind, unberührt von der entsittlichenden Hofluft, rein und schön entfalten können, und ich vermag der Welt dereinst einen guten Menschen zuzuführen. O, das ist ein großer, sehr großer Vortheil, dieser Gedanke thut dem Herzen wohl!« endete Sidonie und drückte ihre Tochter an sich.

»Und Deine Verbannung kann und darf nicht allzu lange währen,« fiel Aurelie ein.

»Ein paar Jahre vielleicht. O, die Zeit geht in der Einförmigkeit rasch dahin, ich fürchte sie nicht. Was mir die Verbannung jedoch schmerzlicher macht, ist der Gedanke, daß meine Tochter später davon zu leiden haben wird, sobald meine Schuldlosigkeit nicht anerkannt wird. Ob dies jemals geschehen wird, ich wage es unter den obwaltenden Umständen nicht zu hoffen. Und wenn dies auch erfolgen sollte; die Welt glaubt so gern das Ueble, und selbst der dem Schuldlosen angehaftete Makel wird so schwer verwischt, trotz der Erkenntniß, wie ungerecht derselbe ist. Doch Alles, Alles und noch Schlimmeres würde ich mit Freuden ertragen, wüßte ich den Freund erst frei und seiner entehrenden Fesseln ledig.«

»Vielleicht, daß Deine Verbannung seine Lage erleichtert und Dein Wunsch erfüllt wird,« bemerkte Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Es wird nicht geschehen, ich weiß es nur zu wohl. Der Fürst begnügt sich niemals mit halben Maßregeln, sobald es darauf ankommt, der Welt gegenüber sein Ansehen zu behaupten. Darum wird er den Grafen auch strenger als mich bestrafen, wie er es bereits gethan hat, obwol seine Maßnahmen ungerecht und von dem Adel nichts weniger als gebilligt werden. Doch, Du weißt, der Fürst ist unbeugsam, so bald es seinen Zwecken gilt.«

»Und möchtest Du den Fürsten nicht um eine Milderung des Urtheils ersuchen?« fragte Aurelie.

»Niemals, meine theure Freundin! Er soll weder eine Bitte, noch einen Vorwurf von mir vernehmen! Ueberdies bin ich von der Fruchtlosigkeit meiner Bemühungen überzeugt, die höchstens seinen Triumph über mich erhöhen würden. Nach diesem Urtheil sind wir für immer von einander geschieden,« entgegnete Sidonie mit bestimmtem Ton und fügte nach kurzem Sinnen, Aurelien die Hand hinreichend, hinzu: »Vergieb mir, meine Theure, wenn ich bisher nur meiner Interessen gedachte und es vergessen konnte, daß meine Verbannung Dein geliebtes Haupt trifft, indem sie Dich in eine menschenleere Einsamkeit fesselt. O, wie viele der reinsten Opfer hast Du mir schon gebracht, die ich wohl zu schätzen, jedoch nicht durch mein Thun entsprechend zu würdigen vermag. O, wende Dich auch jetzt nicht von mir, denn ohne Dich vermöchte ich das Leben nicht zu ertragen!« Und sie umschlang weinend die Freundin.

»Warum Deine Bitte, Geliebte? Du kennst mein Herz und weißt, daß Deine Freuden und Leiden auch die meinen sind und es stets bleiben werden. Kein Wort also hierüber mehr,« entgegnete Aurelie voll Güte und edler Hingebung.