Und sie neigte auf's Neue das Antlitz auf ihres Kindes Haupt und weinte heftig.
Es war so, wie Sidonie sagte. Der Fürst hatte unter die richterliche Sentenz die Bemerkung hinzu gefügt, daß auf das ausdrückliche Verlangen des Prinzen und in Anbetracht der die Schuld der Prinzessin begründenden Momente er im Einverständniß mit seinem Neffen die Bestimmung getroffen, daß Sidoniens Tochter dem Prinzen verbleiben sollte. Die obwaltenden Umstände boten dem Letzteren dazu ein scheinbares Recht. Welche unendliche Kränkung darin für Sidonie lag, darf kaum bemerkt werden. Denn was wol dürfte eine Mutter mehr und tiefer verletzen, als wenn man sie nicht für würdig erachtet, ihr einziges Kind und Tochter obenein selbst erziehen und sich an ihrer Entwicklung erfreuen zu dürfen. Ueber ihrem Schmerz blieb Sidonien die Erkenntniß dieses über sie verhängten Schimpfes noch fern, da sie lediglich der einzige Gedanke, sich von ihrem Kinde für immer trennen zu sollen, beherrschte.
Aurelie gewann zuerst Fassung.
»Das kann und darf nicht geschehen!« rief sie mit ungewöhnlicher Energie. »Diese Bestimmung muß der Fürst zurück nehmen, denn sie ist mehr als hart, sie ist grausam.«
»Ich erkenne darin des Prinzen Rache; der Fürst allein würde sich nie dazu verstanden haben,« bemerkte. Sidonie.
»War der Fürst schwach genug, dem Verlangen seines Neffen nachzugeben, so bleibt ihm doch immer die Gewalt, diese Bestimmung zurück zu nehmen.«
»Ich zweifle, daß er sich dazu bewegen lassen dürfte, und erinnere Dich an das Recht des Prinzen, als Vater seines Kindes über dieses zu bestimmen. Ob ihm dies vor dem Sittengesetz zuerkannt werden darf, ist eine andere Frage, die hier nicht in Betracht kommt. Doch ich weiß, nicht die Liebe zu seiner Tochter, sondern sein Haß gegen mich haben ihn dazu bewogen, und der Fürst ging vielleicht um so leichter auf seinen Willen ein, da derselbe seinen Zwecken dient. Hält man mich nicht für würdig, meine Tochter zu behalten, so muß ich der Welt noch schuldvoller erscheinen, und das will man ja eben.«
»Der Fürst wird Deiner Forderung, Deinen Vorstellungen und Bitten nicht widerstehen. Er ist Dir einst gewogen gewesen, er wird auch jetzt Mitleid mit Deinem Kummer haben. Sein Herz kann nicht so ganz verhärtet sein, um durch Deine Thränen nicht gerührt zu werden.«
Sidonie schüttelte wehmüthig das Haupt.
»Dein liebevolles Herz vermag nicht die ganze Größe der Selbstsucht zu erfassen, die den Fürsten beherrscht. Vielleicht ist er mir einst wirklich zugeneigt gewesen; davon kann jedoch nicht mehr die Rede sein, nachdem ich ihm gegenüber meinen Charakter und Willen zu behaupten wagte. Meine frühere Unterredung mit ihm hat mir sein kaltes, liebloses Herz gezeigt. O, wie leer ist dasselbe, und wie ist es lediglich die Selbstsucht, welche sich eng mit dem Interesse des Staates verknüpft und die von ihm getroffenen Bestimmungen erzeugt. O, wie arm an Freuden, wie traurig ist sein Dasein trotz seines mächtigen Geistes, da in seinem Herzen nicht der Quell strömt, der allein dem Leben Werth und Annehmlichkeit verleiht!«