»Was gedenkst Du zu thun? Wirst Du zu ihm gehen?« fragte Aurelie nach einer kurzen Pause.

»Ich werde es und will den Himmel bitten, daß er meinen Worten Kraft verleiht, sein Herz zu rühren. Vor Allem aber will ich bedacht sein, mich an einen Gedanken zu gewöhnen, der mir allen Lebensmuth und die erforderliche Stärke raubt, das Schmerzliche zu ertragen und den Stolz der Unschuld meinen Feinden gegenüber zu behaupten. Dies ist eine Pflicht, die mir nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen meinen unglücklichen Freund auferlegt ist. O, ich weiß wol, es werden harte, sehr harte Zeiten für mich kommen; ich will, ich darf ihnen nicht erliegen, so viel Kummer sie mir auch bringen. Ihm, ihm, dem edeln, geliebten Manne bin ich es schuldig, der mir das Glück seines Lebens zum Opfer brachte. Vergelten will und muß ich es ihm mit der ganzen Hingabe meiner vollsten Liebe, und darum will ich mich ihm erhalten, damit sein Dasein nicht in einem Schmerz-Accord ausklingt und er nicht mit dem Wort des Vorwurfs, sondern der Liebe auf den Lippen das Leben aushaucht. Ob mir dies gelingen, ob und wann die Zeit kommen wird, in der mein Leben mit dem seinen zusammen pulsen darf, wer vermag das heute zu bestimmen? — Vielleicht naht uns der bleiche Engel des ewigen Friedens früher, als wir ahnen; ach, das Leben ist ja so kurz und hinfällig! Vielleicht wird mein Wunsch erst dann erfüllt, wenn die Jahre die Lebenskraft und Freudigkeit zerstört und den Geist ermüdet haben, und ich ihm statt der Jugend nur ein in Kummer schnell gewelktes Alter bringen kann, und sich in meinen Zügen dann nichts mehr von dem widerspiegelt, was sein Herz einst erfreute. Wie schnell verblühen wir!« Sie schwieg und schaute voll Wehmuth sinnend vor sich hin. »Doch warum fürchte ich das Uebelste, warum sorge ich des Vergänglichen?!« bemerkte sie nach kurzer Pause. »Was wäre die Liebe, wenn sie von äußeren Vorzügen abhinge! O, ich erkenne, wie sich selbst in diesem Augenblick die allgemeinste Schwäche meines Geschlechts, die Eitelkeit, geltend zu machen bestrebt. Doch nein, nein, nicht Eitelkeit, sondern die Liebe zeugt meinen Kummer. Weil ich ihn von Herzen liebe, will ich ihm auch gefallen; dieser Trieb ist ja natürlich und nothwendig. Und Römer liebt ja überdies nicht die äußeren Reize, er liebt die Seele, die unvergängliche, und besitze ich auch nicht die Macht, den Körper vor der Hinfälligkeit zu schützen, so will ich doch bedacht sein, meine Seele davor zu bewahren und sie seiner würdig zu erhalten, damit er einst aus dem gefalteten Antlitz, aus dem matten, entfärbten Augenstern sie dennoch erkennt und sich an ihr erfreut. O, glaube mir, die Liebe ist sehr geschickt, die Erinnerungen vergangenen Lebens zu bewahren; habe ich dies doch in meinen Leidensjahren so ganz erkannt.«

Ein stiller Tag ging über die Freundinnen hin, während dessen sie nur wenige Worte mit einander wechselten, von Kummer und Sorgen erfüllt. Was auch hätten sie sich unter den obwaltenden Umständen mittheilen sollen. Vor Allem mußte Sidonie Fassung gewinnen, um sich für die so wichtige Unterredung mit dem Fürsten vorbereiten zu können. Darüber mußten einige Tage dahin gehen; denn Sidonie war zu tief gebeugt und zu wenig von Hoffnung für das Gelingen ihres Vorhabens erfüllt, um früher die erforderliche Kraft zu gewinnen.

Als ihr dies jedoch nach zwei Tagen gelungen war, sandte sie ein Billet mit der Bitte an den Fürsten ab, ihr eine Audienz zu bewilligen. Erwartungsvoll harrte sie seiner Antwort entgegen.

Achtes Kapitel.

Man hatte Römer nach einer von der Residenz sehr entfernten Grenzfestung gebracht. Er ward daselbst mit größerer Strenge behandelt als früher, und es wurden ihm nur innerhalb der Festungswälle Spaziergänge gestattet. Die zu den letzteren bestimmten Orte waren überdies der Art, daß er von ihnen aus höchstens einen Blick auf Felder und Wälder gewann und es ihm daher unmöglich war, sich mit der Gegend und der neben der Festung gelegenen Stadt bekannt zu machen. Dennoch und obwol er sich zu keiner Frage verstand, konnte es nicht lange ausbleiben, daß er den Namen der Festung und der Stadt erfuhr und somit erkannte, daß er nun auch von aller Verbindung mit seinen Freunden getrennt war.

Von dem Bemühen des Fürsten überzeugt, seinen Aufenthalt so viel als möglich der Welt zu verheimlichen, durfte er dies um so sicherer voraussetzen.

Auf seine Vorstellung an den Fürsten war keine Antwort erfolgt, und so blieb er in Ungewißheit, ob dieselbe in des Ersteren Hände gelangt war, oder ob der Fürst eine solche für überflüssig erachtet hatte.

Er war geneigt, das Letztere anzunehmen, als nach Ablauf von ungefähr drei Wochen ihm der Commandant ein offenes Schreiben mit der Bemerkung überreichte, daß dasselbe sein Urtheil enthalte, wonach ihm zwei Jahre Haft zuerkannt worden wären. Ueber das Vergehen, für das der Graf leiden sollte, war man fortgegangen und hatte eben so wenig der Prinzessin in der Sentenz erwähnt. Dies war auf den ausdrücklichen Befehl des Fürsten geschehen, der, wie wir erfahren haben, über diese Angelegenheit strengste Discretion beobachtet zu sehen wünschte.

Römer war das in hohem Grade angenehm, denn er würde durch das Urtheil viel tiefer verletzt worden sein, hätte man Sidonie nicht in solcher Weise geschont.