Schweigend empfing er den Urtheilsspruch, auf welchen er sich längst vorbereitet hatte, nachdem der Fürst seine und seiner Freunde Vorstellungen unberücksichtigt gelassen; aus dem ersteren konnte er jedoch auch mit Bestimmtheit auf Sidoniens Verurtheilung schließen, und es drängte sich ihm die beunruhigende Frage auf, welcher Art dieselbe sein könnte.

O, wie beglückt hätte er sich gefühlt, wäre es ihm vergönnt gewesen, für sie zu leiden und alles Ungemach von ihr zu nehmen; doch es sollte nicht sein. Was ihn tröstete, war die Ueberzeugung von der Rücksicht, welche der Fürst der Prinzessin zu beobachten sich durch die Umstände genöthigt sehen würde. Man durfte sie nicht hart strafen; so hoffte, so erwartete er es mit Sicherheit, ohne zu ahnen, wie sehr er sich täuschte. Nach des Fürsten Befehl sollte er in der Festung verbleiben.

Der Commandant, wahrscheinlich mit den des Grafen Haft bedingenden Vorgängen gekannt, erzeigte ihm viel Wohlwollen, und wenn er Römer auch keine besonderen Freiheiten gestatten durfte, so lud er ihn doch öfter zu sich ein und verplauderte alsdann einige Stunden mit ihm.

Seitdem Römer den Urtheilsspruch empfangen hatte, wurde niemals ein Wort hierüber zwischen ihnen gewechselt. Der Graf vermied dies absichtlich, und der Commandant hatte bald erkannt, daß eine jede derartige Erinnerung einem Manne von Römer's Charakter nur unangenehm sein müßte.

In trüber Einförmigkeit ging dem Grafen die Zeit dahin. Keine Nachricht von seinen Lieben kam ihm zu; ein Beweis für ihn, daß man seinen Aufenthalt nicht kennen mußte, wenn er nicht annehmen wollte, ihm würden die ersteren von dem Commandanten vorenthalten.

Es kam ihm jetzt seine Neigung für wissenschaftliche Studien sehr zu statten, denen er sich fortan mit Eifer hingab und worin ihn die Freundlichkeit des Commandanten unterstützte, der die Besorgung der von Römer gewünschten Bücher etc. veranlaßte. Aber, so angenehm dem Letzteren auch eine solche Beschäftigung war, welche seinen Geist nährte und die schmerzlichen Gedanken von ihm fern hielt, kamen doch viele, viele trübe Tage über ihn, in welchen er der kummervollen Erinnerung unterlag und sich die Sehnsucht nach Freiheit und dem Wiedersehen seiner Lieben mit großer Gewalt geltend machte. Wie in Sidonien erhoben sich auch in ihm unablässig die Fragen, was er von der Zukunft erwarten durfte und ob, wenn seine Haft endete, die Geliebte frei und es ihr gestattet sein würde, ihm anzugehören. Er glaubte dies hoffen zu dürfen, da er die Trennung ihrer Ehe mit Bestimmtheit voraussetzte, und diese Hoffnung war zu süß und beglückend, um ihm seine Haft nicht weniger peinigend zu machen.

Um wie viel mehr würde sein edles Herz gelitten haben, wäre ihm Sidoniens Geschick und die Härte bekannt gewesen, mit welcher man ihr begegnete, hätte er geahnt, welche Seelenkämpfe sie in derselben Zeit zu bestehen hatte, in welcher er, von seinen Voraussetzungen getäuscht, ihr Loos mild und erträglich wähnte.

Auf Sidoniens an den Fürsten gerichtete Bitte um eine Unterredung hatte ihr dieser geantwortet, daß sein Befinden sie zu empfangen verhindere und er es ihr daher überlassen müsse, ihm ihre Wünsche schriftlich zu bezeichnen. Wie schmerzlich sie dadurch betroffen werden mußte, darf im Hinblick auf das hohe Interesse, das für sie auf dem Spiel stand, kaum bemerkt werden. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerten sich um so mehr, da sie sich sagen mußte, daß der Fürst sein Befinden lediglich als Vorwand zur Ablehnung ihrer Bitte benutzte; denn wie sie erfahren hatte, war dasselbe ziemlich gut. Er wollte sie also nicht sprechen und fühlte daher auch nicht die Pflicht, die geringste Rücksicht auf ihren Kummer zu nehmen. Dadurch zum schriftlichen Verkehr mit ihm genöthigt, zögerte sie nicht, ihm in den flehendsten Ausdrücken um Zurücknahme der getroffenen Bestimmung hinsichts ihres Kindes zu bitten. Die heißeste Liebe zu diesem hatte ihr die Worte eingegeben, denen der Schmerz über ihr so unverdientes und hartes Geschick um so mehr Kraft und Nachdruck verlieh. Wiederholt hatte sie sich dieserhalb mit Aurelien berathen, um die Fassung des Briefes in der wirksamsten Weise zu ermöglichen, und das Schreiben alsdann unter bangen und heißen Wünschen einer guten Wirkung abgesandt.

Unruhvoll harrte sie der so wichtigen Antwort in der Hoffnung entgegen, dieselbe vielleicht schon an dem nächsten Tage zu erhalten und durch deren Inhalt beglückt zu werden.

Wie sehr sah sie sich getäuscht!