Tag um Tag ging dahin, ohne daß ihr Wunsch erfüllt wurde. O, wie tief, wie schmerzlich litt die Arme darunter, und mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, die ihr zu dem Verkehr mit ihrem jetzt doppelt theuern Kinde noch gegönnten Stunden so ganz auszugenießen. Sie trennte sich von demselben fast gar nicht mehr und ließ sogar dessen Bettchen in ihr Schlafcabinet bringen, um sich auch selbst noch in der Nacht ihrer Nähe erfreuen zu können, indem sie den Athemzügen der Schlummernden lauschte.

Nach fünf langen und bangen Tagen und Nächten erst erhielt sie des Fürsten Antwort, die sie mit ängstlicher Hast erbrach und alsdann durchflog. Sie enthielt nur wenige und in gemessenem Ton gehaltene Worte, die ihr armes Herz durchkälteten und ihr die letzte Hoffnung, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, raubten.

Der Fürst lehnte ihre Bitte mit der Bemerkung ab, den durchaus gerechtfertigten Ansprüchen des Prinzen nicht entgegen treten zu dürfen, indem er sie zugleich an die vermehrten Rechte zu den getroffenen Maßnahmen erinnerte, welche demselben unter den obwaltenden Umständen zuständen. Außer diesem nur kurzen Bescheid hatte der Fürst weder ein Wort des Trostes noch des Rathes hinzugefügt, und Sidonie erkannte daraus nur zu wohl, daß jedes weitere schriftliche Wort vergeblich sein würde. Zwar hatte der Fürst darauf hingedeutet, daß in diesem Fall lediglich des Prinzen Verlangen seinen Entscheid bestimmt hätte, und sie dadurch gleichsam auf diesen hingewiesen: was aber konnte ihr das in ihrer Lage nutzen? Den Prinzen mit einer Bitte angehen, würde eben so wenig gefruchtet haben, selbst wenn sie sich auch zu einem sie so tief verletzenden Schritt verstanden haben würde.

So blieb ihr nur die Ergebung in das Unabänderliche. In dieser Erkenntniß bereitete sie sich auf die Trennung vor, von der Hoffnung gestärkt, daß es ihr jedenfalls gestattet sein würde, ihre Tochter später ab und zu zu sehen, und daß vielleicht die Zukunft des Fürsten und Prinzen Herz milder stimmen könnte.

Mit der ihr eigenthümlichen Seelenkraft war sie bemüht, ihre Gefühle zu beherrschen; doch wenn ihr dies auch zum Theil gelang, füllten sich ihre Augen doch häufig unwillkürlich mit Thränen, besonders wenn ihr Blick auf der lieblichen Tochter ruhte, die ohne Ahnung von der Mutter Weh harmlos sie umspielte und den süßen Frohsinn ihrer Jugend offenbarte.

Es konnte jedoch nicht ausbleiben, daß sich Sidoniens Seelenleiden in ihrem Aeußern zu erkennen gab. Die wenigen Tage bis zu ihrer Abreise hatten sie so sehr verändert, daß sie ganz und gar verfallen und um wenigstens zehn Jahre älter erschien. Auch fühlte sie sich schwach und kraftlos, und vermochte sich nur mit Anstrengung aufrecht zu erhalten und die ihr obliegenden Anordnungen zu treffen; dennoch überwand sie dies Alles mit Anwendung des festesten Willens und eingedenk ihres Vornehmens, die Ruhe und Sammlung der Schuldlosigkeit zu zeigen. Sie bedurfte dieser in hohem Grade, denn sie war willens, vor ihrer Abreise noch den Prinzen und Fürsten zu sprechen. In diesem Verlangen glaubte sie den Beweis zu liefern, daß sie nicht in dem Gefühl ihrer Schuld schied, sondern nur als Leidende der über sie herrschenden Gewalt wich. Auch war es ihre Absicht, dem Prinzen ihre Wünsche über die fernere Erziehung ihrer Tochter zu erkennen zu geben. Sie besaß ein Recht dazu und war weit entfernt, dasselbe aufzugeben, und glaubte daher den Prinzen damit bekannt machen zu müssen, damit er nicht etwa den Glauben hegte, sie wäre sich derselben nicht bewußt oder hätte sie etwa in dem Bewußtsein ihres Vergehens, oder durch die Verbannung eingeschüchtert, aufgegeben. Was sie jedoch zu der Unterredung mit dem Fürsten trotz der erfahrenen Unbill besonders veranlaßte, war die Hoffnung, daß es ihrem Worte vielleicht gelingen dürfte, ihn zur Zurücknahme des Befehls hinsichts ihrer Tochter zu veranlassen. Ihre Hoffnungen waren in dieser Beziehung allerdings nur gering; die Liebe zu ihrem Kinde jedoch viel zu groß, um nicht noch das Letzte zu wagen.

Kostete es ihr schon eine nicht geringe Ueberwindung, noch einmal ihren Feinden Auge in Auge gegenüber zu stehen, deren Gewalt sie unterlegen war, so war sie doch auch zugleich entschlossen, sich selbst zu vergessen, um sich das geliebte Kind zu retten, für dessen Besitz ihr kein Opfer zu schwer sein sollte.

Sie hatte gefürchtet, daß weder der Fürst noch der Prinz sich zu einer Unterredung verstehen würden, und wurde daher sehr angenehm überrascht, als ihr diese auf ihre schriftliche Bitte bewilligt wurde. Sie wußte freilich nicht, daß dies nicht ohne Widerstreben Seitens Beider geschehen war.

Zu der Unterredung war der Tag vor ihrer Abreise bezeichnet worden. Wie eilig ging ihr die Zeit bis zu diesem Augenblick dahin, in welchem sie sich vielleicht für eine lange Dauer von ihrem Kinde trennen mußte, und mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, für Alles, was dessen Wohl betraf, zu sorgen. Was sie in ihrer kummervollen Erregung noch aufrecht erhielt, war die freilich nur schwache Hoffnung, des Fürsten Herz für ihre Wünsche gewinnen zu können.

So nahte der bedeutsame Tag, und mit gewaltsamer Ueberwindung aller sie bestürmenden widrigen Gefühle begab sie sich zu dem Prinzen.