Derselbe empfing sie in einem der Staatsgemächer des Palais.
Ihr hinfälliges Aussehen und die sich in ihrem Wesen abspiegelnde Resignation blieben nicht ohne Wirkung auf ihn und schienen ihn zu veranlassen, auf einen in seiner Nähe befindlichen Sessel zu deuten.
»Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen,« sprach Sidonie, ohne sich niederzulassen, »und diese bezwecken die Erziehung meiner Tochter.«
»Dieselbe wird ihrem Range gemäß sein,« fiel der Prinz ein.
»Ich zweifle nicht daran und dies ist auch nicht die Veranlassung, wenn ich Ihnen meine Wünsche in dieser Beziehung zu erkennen gebe. Es ist ein anderer und wichtigerer Grund, der mich dazu bestimmt. Ein Kind bedarf vor Allem der Elternliebe, in deren vollem Genuß es sich wohl fühlt. Diese wird Isabelle entbehren müssen, indem man sie fremden Händen übergiebt. Man wird vielleicht ihren Geist ausbilden; des Kindes Herz bildet sich jedoch nur an einem liebenden Herzen aus, und so erfüllt mich die Besorgniß, Isabelle wird den Einflüssen ihrer Umgebung unterliegen. Sie haben es für nothwendig erachtet, mir die Erfüllung meiner Mutterpflichten unmöglich zu machen, um so mehr erwarte ich daher, daß Sie selbst die Erziehung des Kindes überwachen und es mir gestatten werden, Isabelle zu sehen und mich von dem Erfolg der ersteren zu überzeugen.«
»Ich habe nichts dagegen; doch mache ich Ihnen bekannt, daß Isabelle mit Ihnen zugleich den Hof verläßt, da ich sie zu meiner Tante, der Herzogin Karoline, sende, woselbst sie fortan leben soll.«
Diese Nachricht erfreute Sidonie in hohem Grade; denn durch diese Maßnahme wurde ihr Wunsch erfüllt und Isabelle den Einflüssen des Hofes entzogen; auch war ihr die Herzogin als eine sehr geachtete Dame bekannt.
»Sie erfüllen dadurch meinen Wunsch und ich billige diese Anordnung gern,« entgegnete sie und fragte alsdann: »Ich hoffe, daß es mir gestattet sein wird, mit meiner Tochter brieflich zu verkehren?«
»Ich stelle das Ihrem Belieben anheim,« entgegnete der Prinz, wie es schien bemüht, die ihn peinigende Unterredung zu enden.
»Wenn auch hiemit mein persönliches Interesse erledigt sein dürfte, so drängt es mich doch, noch ein Wort an Sie zu richten,« fuhr die Prinzessin nach kurzer Pause fort. »Daß man die Trennung unserer Ehe als durch meine Schuld herbei geführt betrachtet, muß ich hinnehmen, da der Schein gegen mich spricht und es Ihnen beliebt hat, mich auf diesen hin zu verurtheilen. Ich würde die mir auferlegte Strafe jedoch weniger verletzend fühlen, dürfte ich hoffen, daß daraus ein Segen für das Land hervor ginge. Dem Unrecht ist jedoch noch niemals Gutes entsprossen. Möchte sich in diesem Fall meine Voraussetzung nicht bestätigen; ich wünsche dies zum Wohl des Volkes, dem Sie bald ein Herrscher sein werden. Wol ist es eine schöne und hohe Aufgabe, die Wohlfahrt von Millionen zu erzielen; aber eben so furchtbar däucht mir auch das Schicksal des Regenten, der in der zügellosen Hingabe an seine Leidenschaften statt Liebe nur Haß und Verachtung säet und darum auch erntet. Mögen Sie dessen eingedenk sein, und so leben Sie wohl!«