Sidonie hatte diese Worte fest und ruhig gesprochen, indem Sie die Blicke eben so fest auf den Prinzen gerichtet hielt, der sie jedoch nicht anschaute und ihr nur mit sichtlicher Ungeduld zuhörte. Mit einer leichten, würdigen Verneigung verließ sie darauf das Zimmer.
Der Prinz schaute ihr voll Unmuth nach, der jedoch nicht allein durch die von Sidonien an ihn gerichtete Mahnung an sein besseres Selbst, sondern noch mehr durch das Gefühl der Achtung hervor gerufen wurde, das ihr Verhalten in ihm erzeugt hatte. Dieses Gefühl machte sich zum ersten Mal in ihm geltend, seit er Sidonie kannte. Es lag eine so große Würde in ihrem Wesen und Benehmen, eine ungesuchte Ueberlegenheit über ihn und ihre nichts weniger als erfreulichen Verhältnisse, daß er unwillkürlich von dem Zweifel an ihre Schuld ergriffen wurde.
Die guten Regungen gingen jedoch eben so rasch, als sie entstanden waren, an seiner Seele vorüber, und sein Stolz und Rachegefühl übten schnell ihre Wirkung wieder aus, und so steigerte sich sein Unmuth bei dem Gedanken, daß Sidonie nicht als demüthig Bittende, sondern im Vollgefühl ihrer Würde von ihm geschieden war.
Mit einem hastig gemurmelten Wort, das wie »Närrin« klang, kehrte er in sein Wohngemach zurück, und ein ihm von dem Baron Mühlfels übergebener Brief von Marianen verschaffte ihm rasch seine gute Laune wieder.
Sidonie eilte nach der Unterredung zu ihrer Tochter, die sie jetzt, trotz der nahen Trennung, mit einem freudigeren Gefühl in die Arme schloß, nachdem sie deren künftiges Geschick erfahren und überdies die Gewißheit erhalten hatte, sie für die Folge sehen und nach Belieben Nachricht von ihr erhalten zu können. Ihr däuchte nun die Trennung weniger schmerzlich.
Aurelie überraschte sie dabei und theilte ihre Freude, nachdem sie den guten Erfolg der Bemühungen vernommen hatte. Ihr edles Herz wußte ja nur zu wohl, welchen großen Werth und Trost die Freundin in der ihr gewährten Begünstigung fand und daß Sidonie ohne dieselbe vielleicht in ihrem Schmerz und in ihrer Sehnsucht nach der Tochter untergegangen wäre, trotz ihres Vornehmens, sich für diese und den Grafen zu erhalten.
Unter den Beschäftigungen, welche die angekündigte nahe Abreise des Kindes nothwendig machte, nahte dann die zu der Audienz bei dem Fürsten bestimmte Stunde.
Durch die Unterredung mit dem Prinzen ein wenig ermuthigt, die ihre Hoffnungen hinsichts des Gelingens ihrer Absicht gehoben hatte, trat sie den Weg zu dem Fürsten an.
Man führte sie zu ihm, und sie fand ihn in einem Lehnsessel ruhend, wozu ihn gichtische Schmerzen in den Füßen nöthigten. Der Fürst erwiderte ihren Gruß mit kalter Höflichkeit, welche leider sehr geeignet war, Sidoniens Fassung herab zu stimmen; dennoch gewann sie rasch die erforderliche Sammlung.
»Ich habe es für meine Pflicht erachtet, Ihnen bei meinem Scheiden ein Lebewohl zu sagen,« begann sie mit bewegter Stimme, nachdem sie sich auf eine einladende Handbewegung des Fürsten in seiner Nähe niedergelassen hatte.