Schweigend senkte sie das Haupt.

»Der über Sie gefällte Richterspruch bedingt die Trennung von Ihrer Tochter,« fügte der Fürst hinzu. »Man hätte diese Angelegenheit vielleicht in angenehmerer Weise für Sie ordnen können, würden Sie mich nicht zu einem richterlichen Entscheid genöthigt haben. Sie müssen nun auch die Folgen tragen.«

»Sie verlangten also ein Bekenntniß meiner Schuld? Durch eine Unwahrheit sollte ich mich selbst verurtheilen? Wie, mein Fürst, das verlangten, erwarteten Sie von mir?« fragte Sidonie mit edlem Unwillen und fuhr nach kurzem Zögern fort: »Daß Sie das gethan haben, giebt mir den Beweis, wie wenig Sie mit meinem Charakter bekannt sind und wie fern Ihnen die Ueberzeugung lag, daß ich zur Wahrung meiner Ehre zu den höchsten Opfern bereit war. Daß diese Opfer so schmerzlich sein sollten, habe ich in dem Vertrauen zu Ihrer Gerechtigkeitsliebe freilich nicht voraus gesehen.«

»Ich sehe mich außer Stande, irgend etwas für Sie zu thun,« wandte der Fürst ein. »Die Erziehung Ihrer Tochter wird überdies Ihre Ansprüche befriedigen. Die Herzogin ist eine Dame von Geist.«

»Ich will es hoffen; dennoch erinnere ich Sie, daß einem Kinde die Mutter niemals ersetzt werden kann. Sie verstehen, begreifen mich vielleicht nicht, mein Fürst; denn Ihnen ist das Vatergefühl fremd, da Ihr Herz durch den Ton eines eigenen Kindes niemals ergriffen worden ist. Ich wünschte, dem wäre so, Sie würden alsdann auch die ganze Größe meines Schmerzes ermessen können, welche Sie mir durch die Trennung von meiner Tochter bereiten.«

»Sie haben dies den Verhältnissen zuzuschreiben,« wandte der Fürst ein.

»Ich habe mich in dieselben gefügt, ohne Klage, ohne eine Beschwerde, und ich würde meine Verbannung mit einem weniger vorwurfsvollen Gefühl hinnehmen, hätten Sie sich bewogen gefunden, meine und meiner Tochter Empfindungen und natürliche Forderungen zu berücksichtigen.«

»Sie scheinen ganz zu übersehen, daß man Ihre Tochter Ihren Aufenthalt nicht theilen lassen darf; so etwas widerspräche dem Gesetz.«

»O, mein Fürst, wie übel muß ein Gesetz sein, das den Forderungen der Menschlichkeit widerspricht! Wird die Ehre meiner Tochter gekränkt, indem sie die Verbannung ihrer Mutter theilt? Ich glaube nicht. Ueberdies ist es bekannt, daß das Ansehen eines Fürsten noch nie gelitten, dessen Menschlichkeit sich über das Gesetz zu stellen wagte. Die Nachwelt nannte solche Fürsten gut und edel, und so meine ich, dürfte die Wahl zwischen dem starren Gesetz und der Milde nicht eben schwer sein.«

Der Fürst verrieth eine Bewegung, welche Sidoniens Worte in ihm erzeugten; ihre Haltung und die Zeichen tiefen Seelenleidens hatten überdies wie auf den Prinzen, so auch auf ihn bei ihrem Eintreten einen tiefen Eindruck hervorgerufen, und so fühlte er sich fast geneigt, auf ihre Vorstellungen einzugehen. Dies währte jedoch nur wenige Augenblicke, alsdann machte sich sogleich das Bewußtsein von der Nothwendigkeit, dem Gesetz jede wärmere Regung des Herzens zu opfern, geltend, und er entgegnete nach kurzem Ueberlegen: