»Es ist die Pflicht eines jeden Regenten, die Gesetze zu achten, die er selbst gegeben hat.«

»Gewiß ist dem so, mein Fürst; es ist aber auch das schöne Vorrecht der Regenten, die gegebenen Gesetze durch Menschenliebe zu mildern. Was wäre ein Fürst, der nur das verkörperte Gesetz darstellte? Dessen Sklave, weiter nichts. Sollten Sie sich nicht ein höheres Ziel gesteckt haben? Ich hoffe es.«

Sidonie hätte ihre Worte nicht besser wählen können; dieselben hatten die empfindlichste Stelle in des Fürsten Herzen berührt, indem sie ihn zugleich zur Anerkennung der Wahrheit derselben zwangen. Noch weniger ahnte sie, daß noch andere Umstände die Wirkung ihrer Worte wesentlich erhöhten.

Unter dem empfangenen Eindruck schaute der Fürst einige Augenblicke schweigend und gedankenvoll vor sich hin; kaum jedoch fühlte er eine Anwandlung von nachgiebiger Schwäche, so war er auch bedacht, sich in seinem Vorsatz zu behaupten, und sein kalter, berechnender Verstand wies sogleich die Anwandlungen milder Rücksicht von sich; jedoch wie es schien, nicht ohne einen kurzen, heftigen Kampf.

Sidonien entging das nicht und ein beglückendes Gefühl zog in der Voraussetzung durch ihr Herz, den Fürsten für ihren Wunsch gewonnen zu haben. Sie sollte ihre Täuschung bald erkennen, denn im Begriff, dem Fürsten das Glück zu bezeichnen, das er ihr durch seine Milde schenkte, wehrte er ihrer Antwort durch eine Handbewegung und bemerkte erregt:

»Kein Wort weiter über diesen Gegenstand! Ich wünsche nicht, daß diejenigen Grundsätze, nach welchen ich die Bestimmungen über Sie getroffen habe, einer weiteren Erörterung unterworfen werden. Es würde zu nichts führen. Darum bitte ich, davon abzubrechen.«

Sidonie erbleichte; sie erkannte, daß sie unter diesen Verhältnissen auf nichts mehr zu hoffen hatte, da der Fürst jede weitere Bitte bestimmt ablehnte.

Eine große Thräne rann über ihre bleiche Wange; der Fürst bemerkte diesen Zeugen ihres tiefen Wehes nicht, denn er hielt die Augen von ihr abgewandt, als ob er sich vor ihrem Anblick scheute. Es trat eine kurze Pause ein, alsdann bemerkte Sidonie ruhig und mit schmerzvollem Ton:

»Wol fühle ich, wie wenig angenehm Ihnen meine Worte sein müssen, und ich bitte um Vergebung, wenn ich, ermuthigt durch Mutterliebe und in dem Wahn, es könnte dieselbe einen wenn auch nur schwachen Widerhall in Ihrem Herzen finden, Ihnen offen meinen Schmerz, aber auch das Glück zeigte, das mir die Gewährung meiner Bitte bereitet hätte. Doch ich will mich zufrieden geben, da Sie mich auch dazu zwingen; aber, mein Fürst, bin ich dazu auch genöthigt, so gestatten Sie mir doch, Sie zu erinnern, welchen Namen die Welt dieser Maßnahme geben wird. Denn selbst wenn mich auch die Menschen für schuldig erachteten, würden sie dennoch nimmer die Trennung von meinem einzigen Kinde billigen. Die Rechte der Mutter sind heilig, und wer dieselben in solcher Weise zu schädigen wagt, verfällt dem Urtheil der Welt.«

»Sei es; ich kann dasselbe hinnehmen!« fiel der Fürst erregt ein.