»Nein, mein Fürst, nein! Flüchten Sie sich nicht hinter Ihr fürstliches Ansehen; es schützt den Menschen in Ihnen nicht; nicht den Fürsten, sondern diesen wird man verurtheilen. Denn über allem Glanz, über aller Macht und Gewalt der Fürsten steht der Mensch; man liebt und verehrt ihn, nicht die kalte fürstliche Größe

Des Fürsten Antlitz zeigte ein bewegtes Mienenspiel, in welchem sich die widerstreitendsten Empfindungen zu erkennen gaben; sein Auge leuchtete rasch auf und verrieth eine ungewöhnliche Bewegung seines Innern. Das Alles währte jedoch nur ein paar Secunden; alsdann schien er wieder ruhig zu sein.

»Haben Sie schon den Prinzen gesprochen?« fragte er.

Sidonie bejahte, und er fuhr fort:

»So werden Sie auch erfahren haben, daß es Ihnen unbenommen ist, Ihre Tochter für die Folge zu sehen. Isabelle wird Sie in gewissen Zeiträumen besuchen; ich werde den Befehl dazu geben.«

»O, wie danke ich Ihnen, mein gnädiger Fürst!« fiel Sidonie, durch das Vernommene beglückt, in gerührtem Ton ein, und fügte alsdann nach einem raschen Entschluß flehend hinzu: »O, mein Fürst, warum wollen Sie dem edeln Zuge Ihres Herzens nicht folgen und mir Ihre ganze Gnade gewähren? O, ich lese es in Ihren Zügen, daß meine Worte einen Widerhall in Ihrem Herzen fanden; warum unterdrücken Sie so edle Regungen, um mein kummervolles Herz nicht ganz zu beglücken? Wäre es nicht ein schöner Sieg, den die Menschlichkeit über das kalte Gesetz davon trüge?«

In ängstlicher Spannung, die Augen mit Thränen erfüllt, blickte Sidonie auf den Fürsten, seiner Antwort gewärtig, von der das Glück und die Ruhe ihrer Seele abhing.

»Sein Sie zufrieden, Prinzessin!« fiel der Fürst ein und fügte nach kurzem Zögern hinzu: »Ich habe mehr gethan, als ich durfte; ich habe gegen meine eigene Bestimmung gehandelt. Ich habe des Prinzen Willen zu beachten und mehr als das, die Verhältnisse, welche die Trennung von Ihrer Tochter fordern. Erkennen Sie das und glauben Sie mir, daß, so hart ich Ihnen auch vielleicht erscheine, sich der Fürst oft nur auf Kosten seines Herzens behaupten kann.«

Der Fürst sprach diese Worte mit einer ungewöhnlichen Milde und Bewegung, und es schien, als ob er während dessen bereits bemüht wäre, dieselbe zu verbergen.

»Jetzt lassen Sie uns scheiden,« fuhr er nach kurzer Pause fort; »eine weitere Unterredung wäre fruchtlos und uns Beiden nicht angenehm.«