Von seinen Worten und seinem Benehmen tief ergriffen, erhob sich Sidonie; sie erkannte, daß ihr unter den obwaltenden Umständen nichts mehr zu thun übrig blieb, und so zögerte sie nicht, seinen Wunsch zu erfüllen und ihn zu verlassen.

»So leben Sie denn wohl, mein Fürst,« sprach sie voll Rührung. »Ich scheide mit dem aufrichtigen Wunsch, Sie würden bald von Ihren Leiden befreit werden. Auch danke ich Ihnen nochmals für die Beruhigung, die Ihre Güte mir gewährt hat.«

»Leben Sie wohl!« entgegnete der Fürst mit einer geringen Kopfneigung gegen sie.

Als sich die Thür hinter Sidonien schloß, athmete der Fürst auf und lehnte sich in den Sessel zurück, indem er auf das Geräusch des fortrollenden Wagens der Prinzessin lauschte. Seine vorher strengen Züge waren jetzt weich, sein Auge blickte mild, und er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sinnend schaute er eine Weile vor sich hin, alsdann klingelte er, ließ sich von dem eintretenden Kammerdiener aus dem Sessel heben, und schritt unter dessen Beihilfe trotz der empfundenen Schmerzen mehrmals durch das Gemach. Er schien bewegt, und es währte eine längere Zeit, ehe seine Züge den gewöhnlich ruhigen Ausdruck wieder zeigten.

Sidonie kehrte, wenngleich nicht in einer befriedigten, so doch beruhigteren Stimmung in ihr Palais zurück; sie war wenigstens um eine beglückende Hoffnung reicher, die ihr den künftigen Besuch ihres geliebten Kindes verhieß. Das ihr von dem Fürsten gezeigte Mitgefühl that ihrem Herzen wohl, und sie beklagte es um so mehr, daß die Gewalt der Verhältnisse dasselbe in solcher Weise beschränkte und ihn bewogen, sich dem Willen des Prinzen unterzuordnen. In diesem Umstande lag aber für sie die angenehme Hoffnung, es könnte der Fürst vielleicht für die Folge diese Milde wieder geltend zu machen bedacht sein und sich somit auch ihr und ihres Freundes Geschick bald günstiger gestalten.

Diese Hoffnung theilte auch Aurelie, welche Sidonie mit dem Erfolg ihrer Bemühungen bekannt machte, wenngleich sie dem Fürsten zürnte, daß er sich dem Verlangen des Prinzen gefügt hatte. Doch der Mensch erträgt geduldiger das ihm auferlegte Mißgeschick, wenn seinem Herzen die Hoffnung auf ein künftiges Besserwerden schmeichelt. Ist dies doch so eigentlich der ganze Inhalt unseres Lebens; Streben und Kämpfen mit den Verhältnissen der Gegenwart in dem trügenden Hoffen, daß uns die Zukunft für die Mängel und Opfer der Gegenwart liebreicher und vollkommener durch Gewährung unserer Wünsche entschädigen wird.

So eilig gingen Sidonien die letzten Stunden, welche sie noch mit ihrer Tochter verleben durfte, dahin; sie benutzte dieselben, um dieser die Nothwendigkeit ihrer Trennung erklärlich und sie zugleich auf die Bestimmung des Prinzen hinsichts ihrer Erziehung bei der Herzogin aufmerksam zu machen. Sie ermahnte sie dann, sich durch Folgsamkeit die Liebe ihrer Pflegerin zu erwerben und erinnerte sie, welche Freude sie ihr selbst dadurch bereiten würde. Sie sagte ihr, daß sie oft Briefe an sie senden würde, und sie sich daher bemühen sollte, dieselben beantworten zu können, und wie sehr sie ein jedes Wort von ihr beglücken würde.

»Auch wirst Du mich öfter besuchen, meine Tochter, und wir werden alsdann wol einige Tage bei einander sein,« fuhr Sidonie fort.

»Warum kann ich nicht immer wie jetzt bei chère mama sein?« fragte die Kleine.

Wie tief und schmerzlich ergriff Sidonie diese so natürliche Frage, da sie die richtige Antwort verschweigen mußte; dieselbe berührte sie um so empfindlicher, da sie deren Wiederholung in späterer Zeit mit Bestimmtheit erwarten durfte.