»Du sollst die Gründe dazu, wenn Du älter bist, erfahren,« entgegnete Sidonie, deren Vornehmen es war ihre Tochter dereinst selbst mit Alledem bekannt zu machen, wodurch ihr trauriges Geschick hervorgerufen worden war.
In solchem und ähnlichem Zwiegespräch verweilten Mutter und Tochter so lange bei einander, bis das Kind sich zur Ruhe begab. Alsdann fertigte Sidonie einen Brief an die Herzogin Karoline, in welchem sie dieser mit der ganzen Wärme ihres Muttergefühls ihre Tochter empfahl, ihr das Vertrauen zu erkennen gab, welches sie zu ihrem edeln Sinn hegte, und sie eindringlich bat, ihr die Liebe des Kindes zu erhalten.
Es war bereits über die Mitternacht hinaus, als sie diesen für sie so wichtigen Brief vollendete; alsdann begab sie sich an das Lager ihres Kindes und erfreute sich an dessen süßem Schlummer, und erst gegen Morgen suchte sie selbst Ruhe, um sich für die Reise zu kräftigen.
Ach, so früh kam der Morgen, nahte die Stunde der Trennung von ihrem Kinde.
Das Geräusch des heranrollenden Wagens, der ihre Tochter aufnehmen sollte, durchzitterte ihre Seele und sie bedurfte ihrer ganzen Fassung, um dem Augenblick nicht zu erliegen.
Bald darauf erschien die Hofmeisterin Isabellens, welche diese zu der Herzogin begleiten und fortan bei ihr bleiben sollte.
Sidonie hatte bereits am vergangenen Tage eine eben so ernste als eingehende Unterredung hinsichts ihrer Tochter mit dieser gehabt und wiederholte daher nur noch einen und den andern Wunsch. Alsdann drückte sie das geliebte Kind noch einmal voll Zärtlichkeit an sich und bedeckte das Lockenhaupt mit vielen Küssen. Weinend schlang Isabelle die Arme um ihren Hals, wollte nicht von ihr lassen und verlangte bei ihr zu bleiben; ein tief ergreifender Anblick, der in den Augen aller Anwesenden Thränen lockte. Doch es mußte geschieden sein, und so riß sich Sidonie gewaltsam von der Tochter los, übergab sie der Hofmeisterin, die mit ihr davon eilte, und sank alsdann, von Schmerz überwunden, in den Sessel. Wenige Augenblicke darauf eilte der Wagen davon und entführte die Geliebte.
Als Sidonie wieder zum Bewußtsein gelangte, war es um sie einsam und still.
Längst war das Rollen des forteilenden Wagens vertönt.
»Sie ist dahin!« sprach sie unter einem heftigen Thränenstrom leise.