Aber wenn sie auch die Umarmung ihres Kindes entbehren mußte, umschlossen sie dagegen jetzt die Arme edelster Freundschaft; Aurelie schloß sie an die Brust. Hier fand sie wieder Fassung und Muth, und fühlte sich nun nicht mehr verlassen und einsam. Kaum hatte sie ihren Schmerz übermannt, so ergriff sie auch das heftigste Verlangen, so rasch als möglich das Palais zu verlassen. Fast gewaltsam erhob sie sich, indem sie mit ängstlicher Stimme bemerkte:
»Lass' uns eilen, Aurelie! Es ist unheimlich hier, hier, an der Stätte meiner Leiden. In der freien Natur wird mir wohler werden. Nur schnell, schnell fort aus diesen schauerlichen Räumen!«
Der Wagen harrte ihrer bereits. Schnell war die Toilette geordnet und eben so eilig verließ sie mit Aurelien das Gemach. Keinen Blick wandte sie hinter sich, sondern schritt rasch nach dem Saal, in welchem ihre ehemaligen Hofdamen und sonstige Beamte, Diener und Dienerinnen sie erwarteten, um ihre Herrin noch beim Scheiden zu begrüßen.
Sie reichte Niemandem die Hand; denn sie glaubte sich dessen als Verurtheilte enthalten zu müssen; aber es bedurfte dessen nicht, denn man umringte sie und küßte ihr freiwillig die Hände. Sie vermochte nicht zu sprechen; bebend drängte sie dem Ausgange zu; ehe sie jedoch hinaus schritt, wandte sie sich nach Allen zurück, grüßte wiederholt mit Freundlichkeit, und stieg alsdann mit Hilfe des Kammerherrn in den Wagen. Aurelie folgte ihr.
In der Ferne stand schweigend und mit entblößten Häuptern die schaulustige Menge, denn Sidoniens Abreise war bekannt geworden. Unter derselben befanden sich einige niedere Hofbeamte; nur war keiner darunter, der in des Prinzen Diensten stand.
Die Baronin Mühlfels hatte es nicht versäumt, sich den Anblick von Sidoniens Abreise zu verschaffen, und sich darum zu der ihr befreundeten Hofdame im Palais begeben, mit welcher sie von einer verborgenen Stelle des Zimmers aus die tugendstolze, von ihr tief gehaßte Prinzessin beobachtete. Das kummervolle Antlitz und das vom Weinen geröthete Auge derselben thaten ihrem Herzen wohl.
»Es ist ihr recht geschehen,« meinte sie, und die Freundin stimmte dieser Ansicht bei.
»Sie hat es schon um Ihren Sohn verdient,« meinte die Hofdame.
»Gewiß, gewiß! Und ich denke, man wird nun auch wieder zu seinen vollen Würden kommen,« sprach die Baronin.
»Der Prinz vermählt sich wahrscheinlich bald, und da kann Ihnen die Oberhofmeisterin-Stelle nicht fehlen.«