»Und dann werde ich auch auf meine Freundin bedacht sein,« fiel die Baronin äußerst lieblich ein.
Ihre Bemerkungen wurden hier unterbrochen, da sich auf Sidoniens Wink der Wagen in Bewegung setzte und rasch fort rollte.
»Adieu, keusche Susanne!« rief die Baronin ihr höhnisch nach.
Die Menge verhielt sich still und zerstreute sich eben so still; doch wurde manches bedauernde Wort, jedoch nur leise gesprochen, vernommen. Mancher zuckte die Achseln und schwieg. Die Wenigsten glaubten an Sidoniens Schuld. Die Mienen Aller zeigten Ernst und Betrübniß; Einer nur schaute dem fortrollenden Wagen aus den Gemächern des Prinzen mit schadenfrohem Lächeln nach; es war dies Mühlfels, der sich nach einem abgelegenen Zimmer daselbst begeben hatte, um gleich seiner Mutter Zeuge von Sidoniens Abreise zu sein.
Der Prinz befand sich nicht in dem Palais; er war absichtlich für mehre Tage verreist.
Als der Wagen den Augen des Barons entschwand, erhob er sich voll Befriedigung und murmelte vor sich hin:
»Ich bin gerächt!«
Neuntes Kapitel.
Obwol, wie wir erfahren haben, Sidonie ein fast zurückgezogenes Leben am Hofe geführt hatte, so waren doch sehr Viele, namentlich die Damen, durch die von ihr erhobenen Ansprüche an Sittlichkeit und Einfachheit über die Maßen unangenehm berührt und beengt worden. So konnte es denn nicht fehlen, daß man namentlich in jenen Kreisen ihre Verbannung nicht nur mit geheimer Freude aufnahm, sondern diese Maßnahme auch um so offener billigte, da man dem Fürsten und Prinzen dadurch eine Huldigung darzubringen für gut fand.
Daß man wirklich an Sidoniens Schuld glaubte, kann nicht überraschen; wie konnte sie besser sein, als Alle. Sie hatte ihre Rolle nur schlecht gespielt. Doch das erachtete man im Hinblick auf das eigene Interesse für nebensächlich; war doch das ziemlich allgemeine Verlangen erfüllt und eine Person von so maßgebender Wichtigkeit endlich ihres Einflusses beraubt worden. Das war die Hauptsache. Denn man sagte sich, daß, wenn die so glücklichen Umstände, welche Sidoniens Verbannung herbei geführt hatten, nicht eingetreten wären und sie früher oder später ihre Macht als Regentin hätte ausüben können, statt des gegenwärtigen genußvollen Lebens ein langweiliger Tugendzwang und ein klösterlicher Ernst bei Hofe eingeführt worden sein würden. Und so gönnte man ihr von Herzen die Verbannung. Daß der Prinz bei seiner neuen Vermählung in der Wahl einer Gattin vorsichtiger sein würde, war man durchaus überzeugt, und dadurch jeder Sorge für die Zukunft überhoben, wogte das lustige und zügellose Leben mit um so größerer Gewalt auf, worin man sich zu überbieten und in dessen Strudel man den Prinzen hinein zu ziehen bedacht war.