Auf ihren Wunsch wurde die Fahrt beeilt; kaum gönnte sie sich die so nothwendige Erholung, und schnell wurde Meile auf Meile zurückgelegt.

Dennoch war es fast Mitternacht geworden, als sie das Schloß erreichte, woselbst man ihrer Ankunft entgegen harrte.

Das alterthümliche, von der Dunkelheit umhüllte Gebäude erschreckte sie; es erschien ihr mit seinen Thürmen wie ein Gefängniß, wenngleich ihm die einschließenden Mauern fehlten. Sie hatte es sich freundlicher in der waldigen Umgebung gedacht, und nur zögernd und scheu betrat sie die kühlen und feuchten Bogengänge, um nach ihren Gemächern zu gelangen.

Dieser Eindruck war jedoch ein vorübergehender, und an seine Stelle trat die Erinnerung, daß ihr Freund wol kaum behaglichere Räume bewohnte, und es gewährte ihrem edeln Herzen eine angenehme Beruhigung, sich nicht allzu großer Bequemlichkeiten erfreuen zu dürfen. Sie theilte diese Gedanken der Freundin mit, und Aurelie war erfreut, Sidonie in so gefaßter Stimmung zu sehen, da sie selbst durch den neuen Aufenthaltsort, der ihnen vielleicht für lange Zeit dienen sollte, wenig angenehm berührt worden war. Sie umarmte die Prinzessin voll Innigkeit und gefeuchtetem Auge.

»Fürchte nichts, gute Aurelie. Ich hoffe, wir werden uns bald an die düsteren Räume gewöhnen, besonders wenn der Lenz sie mit seinen Reizen ausstattet, was ja nicht mehr lange währen kann,« bemerkte Sidonie fast heiter und fuhr alsdann fort: »Bei dem ersten hellen Tage wollen wir uns unsern neuen Wohnsitz und seine Umgebung genau betrachten, und ich denke, unseren Bemühungen soll es gelingen, denselben heiterer und freundlicher zu gestalten.«

Aurelie ging mit der ihr so eigenthümlichen Güte sogleich auf die Stimmung und Gedanken der Freundin ein, und während sie das Abendessen einnahmen, entwarfen sie einen Lebensplan für die Folgezeit, nach welchem sie die Stunden einzutheilen gedachten, um sich den Aufenthalt angenehm zu machen. Die Ermüdung nöthigte sie jedoch bald, die Ruhe zu suchen, der sie so sehr bedurften.

Es war eine ganz besondere Ironie des Zufalls, daß der Fürst dasjenige Schloß zu Sidoniens Aufenthalt bestimmt hatte, aus welchem Mariane hervor gegangen war. Ihm war dies unbekannt und ihn hatten zu dieser Wahl besondere Umstände bestimmt. Das Schloß lag nämlich, wie wir wissen, eine bedeutende Strecke von der Residenz entfernt, was ihm besonders lieb war, um ein mögliches Berühren mit Sidonien zu vermeiden; dann aber war es auch das einzige, was sich zu dem bezeichneten Zweck eignete, da die vorhandenen Lustschlösser benutzt wurden und auch der Residenz viel zu nahe lagen.

Vielleicht würde der Fürst zu einer andern Wahl bestimmt worden sein, hätte er jenen Umstand hinsichts Marianen gekannt oder ihn der Prinz darauf etwa aufmerksam gemacht. Dieser besaß jedoch viel zu wenig Zartgefühl, um auf den Gedanken geleitet zu werden, daß Sidonie durch die getroffene Bestimmung verletzt werden könnte. Dergleichen lag ihm fern. Sidonie selbst war gleich dem Fürsten mit dem zwischen ihrem neuen Aufenthaltsort und Marianen bestehenden Beziehungen eben so wenig vertraut, und unterwarf sich darum ohne jedes Bedenken einer Anordnung, die ihren heißen Wunsch erfüllte und sie von der Residenz fast gänzlich abschloß.

Als sie nach einer unruhigen Nacht erwachte, begrüßte sie kein sonniger Tag, sondern ein trüber, nebliger Morgen, der wenig zur Erheiterung ihrer trauernden Seele geeignet war. Dennoch ließ sie sich dadurch nicht abhalten, wenigstens die Räume des Schlosses zu besuchen, und entdeckte dabei zu ihrer Freude, daß dasselbe außer den düsteren, noch mehre wohnlichere Gemächer enthielt. Als dann die Tage freundlicher wurden, nahm sie den Garten und die Umgebung des Schlosses in Augenschein, und es gewährte ihr eine angenehme Ueberraschung, die letztere mit vielen landschaftlichen Reizen ausgestattet zu finden und zu erkennen, daß der erstere mit Anwendung von nicht bedeutenden Kosten geordnet und verschönt werden konnte. Es bot sich also für sie ein Feld angenehmer Thätigkeit dar, die ihr unter den obwaltenden Verhältnissen doppelt erwünscht war.

Sie gab daher sofort die erforderlichen Befehle, und bald belebte sich die Nähe des Schlosses mit Leuten, deren Arbeiten sie fortan ihr ganzes Interesse schenkte. Und je näher der Frühling rückte, je mehr seine Reize sich auf den Fluren und in den Wäldern geltend machten, um so weniger düster und unbehaglich erschien ihr der neue Aufenthaltsort.