Bald erschlossen sich Blumen aller Art in dem zierlich geordneten Garten, und ganz besonders prangte der daran grenzende Obstgarten in dem reichsten Blüthenschmuck, und mit ihnen erwachte ein regeres Leben in der Natur, in dem sich Sidonie wohl fühlte. Auch ihren Wohngemächern hatte sie mancherlei Verschönerungen angedeihen lassen und dieselben so gewählt, daß sie die Fernsicht nach dem See bequem genießen konnte. Lectüre und Musik, kleine Ausflüge in die Umgegend, namentlich nach dem tief im Walde gelegenen Forsthause, gaben angenehme Zerstreuung und wehrten dem freilich unablässigen Sehnen nach ihrer Tochter und dem Freunde.

Aber auch in dieser Beziehung blieb Sidonie nicht ohne Trost. Denn sie empfing bald eine höfliche und tröstliche Antwort von der Herzogin, später auch ab und zu einige Zeilen von der Hand ihrer Tochter, die ihr Herz mit Wonne erfüllten. Was sie jedoch ganz besonders beglückte, war eine Mittheilung von der Gräfin Römer an Aurelie, welche die Nachricht enthielt, daß der Fürst ihrem Sohn endlich sowol den brieflichen als den persönlichen Verkehr mit der Außenwelt gestattet hätte, ohne daß derselbe wie früher der Aufsicht des Commandanten unterlag. Sie hatte in Folge dessen seinen Aufenthalt erfahren, war jedoch leider durch körperliche Schwäche verhindert, ihn zu besuchen, und mußte sich daher mit brieflichen Mittheilungen begnügen. Der Graf hatte ihr eine genaue Schilderung seines bisher geführten Lebens gegeben, woraus sie entnehmen konnte, daß seine Gesundheit nicht zu sehr gelitten, er sich mit Geduld in seine Lage gefügt hatte und in dem Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit so wie in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Trost und Unterhaltung fand.

In der Voraussetzung, daß ihres Sohnes Brief Sidonien und Aurelien viele Freude bereiten würde, hatte sie denselben ihrem Schreiben beigelegt, und es darf kaum bemerkt werden, wie sehr sich die erstere bestätigte. Welche wehmüthige Freude erregten die geliebten Worte in Sidoniens Herzen; wie viele Mal las sie dieselben und wie manche Thräne fiel auf sie hernieder.

Aurelie beeilte sich, der Gräfin eine eben so genaue Schilderung von Allem, was sie und Sidonie betroffen, zu machen, welcher diese einige freundliche Worte in der nahe liegenden Voraussetzung beifügte, daß die letzteren zu dem Freunde gelangen und sein Herz erfreuen würden. Und so war es auch, und wir brauchen kaum zu erwähnen, daß der Graf dieselben mit nicht minder warmen Empfindungen begrüßte, wie dies bei Sidonien der Fall gewesen war. In solcher Weise knüpfte sich bald ein schriftlicher Verkehr zwischen den Liebenden an, aus welchem sie Trost und Muth schöpften, wenngleich er freilich auch die Sehnsucht nach Freiheit steigerte, um einander für immer anzugehören.

Aber sie waren durch die Umstände gezwungen, ihre Wünsche in sich zu verschließen, ja sie erachteten es sogar für besser, sich nicht durch directe briefliche Mittheilungen zu erfreuen und begnügten sich daher mit dem Gebotenen. Doch sie unterwarfen sich dem Allen mit jener Kraft, welche das Bewußtsein treuer Liebe verleiht; auch fern von einander verkehrten ja ihre Seelen in Innigkeit und in der süßen Hoffnung, daß ihrer eine frohe Zukunft harrte.

So gingen Sidonien die Tage dahin; zwar einförmig, aber doch nicht ohne Trost.

Von Seiten des Hofes wurde sie in keiner Weise beunruhigt; doch drang die Nachricht von des Prinzen neuer Vermählung in ihre Einsamkeit. Sie freute sich derselben, da dadurch, wie sie wußte, des Fürsten Wunsch erfüllt wurde.

Sonst vernahm sie nichts vom Hofe und seinem Treiben, auch suchte sie Niemand auf, und so sah sie ihr Verlangen befriedigt; sie war vergessen, vergessen in ihrer Abgeschiedenheit, die ihr im Verhältniß zu ihrem früheren Leben tausendfach angenehmer erschien.

Und es kamen während des Sommers auch manche schöne Festtage, die ihr durch den Besuch ihres geliebten Kindes bereitet wurden, das oft eine ganze Woche bei ihr verweilte und an dessen herrlicher Entwicklung sich ihr Mutterherz erfreute.

Dann aber nahte der Herbst, der Winter mit seiner Oede und Einsamkeit, mit seinem Schnee, der alle so lieb gewonnenen Reize der Natur verhüllte und sie in das jetzt wieder düsterer blickende Schloß bannte und oft Wochen lang an dem Genuß der frischen Luft verhinderte. Da wurde ihr das Herz denn oft recht schwer, und trotz aller Beschäftigung würde sie ohne Aureliens Nähe ihre Lage kaum oder doch nur sehr schwer ertragen haben. Diese edle Natur entfaltete jetzt alle ihre Seelenvorzüge in dem höchsten Grade, indem sie mit der nur ihr eigenen Selbstverläugnung ganz und gar in der Freundin aufging, unablässig bemüht, die Tage derselben erträglich zu machen. An ihr richtete sich Sidoniens gebeugte Seele schnell wieder auf, und die trüben, regnerischen Tage, der das Schloß durchheulende Wintersturm erschienen ihr alsdann nicht mehr so beängstigend und unerträglich.