Aber der Winter war so lang, der Frühling zögerte mit seinem Wiederkommen, und wie viele Stunden zählte ein Tag, eine Nacht. —
Aber trotz des Zögerns erschien der Lenz dennoch endlich und brachte auch Sidonien neue Freuden und die Gewißheit, nach so langem Entbehren auch ihre Tochter wieder an das Herz drücken zu können. Denn während der rauhen Jahreszeit war dem Kinde der Besuch nicht gestattet worden und Sidonie hatte sich auf briefliche Mittheilungen beschränken müssen. Trotz ihres Kummers und dieser schmerzlichen Entbehrungen übersah Sidonie die ihr gebotene Gelegenheit nicht, die Pflichten der Menschenliebe zu üben, wozu sie überdies ihr gütiges Herz nöthigte, und oft suchte sie in Aureliens Begleitung die Stätte des Leidens auf, und ihr mildes, freundliches Wort, die so reich gestattete Hilfe hatten sie bald zu einem vergötterten Liebling in der Gegend erhoben.
Vertrauend eilten die Bedrängten zu ihr und gingen stets getröstet von dannen, und wo sie erschien, in den nahe gelegenen Dörfern und Flecken, so wie in dem Schloß selbst, segneten viele Herzen die edle, unglückliche Frau, an deren Vergehen Niemand glaubte.
Und dem zweiten Sommer folgte wieder Herbst und Winter und diesem wieder der Lenz, ohne daß sich Sidoniens noch des Grafen Lage in irgend welcher Beziehung änderte. Sie sah sich in den hinsichts ihrer Freilassung gehegten Hoffnungen leider getäuscht, denn der Fürst hatte ihr bisher durch kein Zeichen zu erkennen gegeben, daß er sich dazu etwa geneigt fühlte, und sie war weit entfernt, sich in irgend welcher Weise darum zu bemühen.
Da kam die Nachricht von der Geburt eines Erbprinzen zu ihr, und sie hoffte, daß dieser Umstand den Fürsten etwa veranlassen würde, ihrer und ihres Freundes in Güte zu gedenken. Leider täuschte sie sich auch jetzt; man hatte sie vergessen oder erachtete sie der Begnadigung nicht für würdig.
Wie werthlos wäre ihr auch diese gewesen, wenn dieselbe nicht auch diejenige des Grafen in sich schloß; denn es hätte ihrem Gefühl widerstrebt, sich der Freiheit allein zu erfreuen. So lange er litt, wollte auch sie mit ihm leiden.
Von Seiten des Grafen war eben so wenig irgend etwas zu seiner Befreiung gethan worden; sein Stolz hatte jeden Vorschlag seiner Freunde in dieser Beziehung bestimmt zurück gewiesen, da er sich berechtigt fühlte, nicht zu bitten, sondern Genugthuung zu fordern. So ertrug er die ungerechte Strafe mit Würde und ohne Klage, und nur der Gedanke, wie viel Sidonie leiden mußte, entmuthigte ihn bisweilen so sehr, daß er darunter auch körperlich litt.
Zwei lange Jahre waren ihm und Sidonien in der bezeichneten Weise dahin gegangen; Beide hatten bereits alle Hoffnung, die Freiheit endlich zu erlangen, aufgegeben und sahen daher der Zukunft mit um schmerzlicherer Resignation entgegen, da der Spätherbst sich bereits geltend machte und sie an den nahenden traurigen Winter mahnte. Besonders war dies in Bezug auf Sidonie der Fall. Was ihrem Aufenthalt Reiz und Annehmlichkeit verlieh, war dahin. Ueberall Oede, Einsamkeit, welke, fallende Blätter, dürre Zweige, leere Felder und gebräunte Wiesen, auf welche ein trüber, wolkiger Himmel schaute, der Allem den letzten Farbenreiz stahl. Und wie der Natur diesen, so stahl er auch dem Herzen die Freude und Lust am Leben.
Sidonie war ausgefahren und kehrte gegen Abend unter strömendem Regen in Begleitung Aureliens von dem nahe gelegenen Dorf zurück, wohin sie sich, um wie gewöhnlich zu trösten und zu helfen, begeben hatte. Bei der Hinfahrt war das Wetter gut gewesen, auf dem Rückwege jedoch wurde sie von dem Unwetter überrascht, das die Herbststürme rasch herbei geführt hatten.
Ueber das Schloß hin rauschte der Sturm, von seinem Dach strömte der Regen, und die Dämmerung, in welche das Gebäude gehüllt war, ließ dieses noch unheimlicher als gewöhnlich erscheinen.