Nach Ablauf dieser Frist wurde mir das vom Consul abgefaßte Urtheil zugeschickt. Es verrieth einen feinen kaufmännischen Takt und bewies, daß der Consul über die Sache nachgedacht hatte, was in diesem Lande, der großen Hitze wegen, etwas Seltenes ist. Das Urtheil fiel so aus, wie sie in der Regel ausfallen, d. h. die Forderung wird compensirt, da jeder Schiedsrichter in ähnliche Verhältnisse gerathen kann und gern das Vergeltungs-Recht auf keine schlimme Art für sich ausgeübt wissen mag. Mir also wurde die Hälfte meiner Forderung aus den darin angeführten Gründen zuerkannt und ich wurde verurtheilt, eine Parthie Cigarren, woran mein Gegner ohne Zweifel tüchtig verdiente, zu nehmen, wobei mir freigestellt wurde, daß ich dieselben, wenn ich sie des hohen Preises wegen nicht sollte verkaufen können, für meinen eigenen Gebrauch verwenden dürfte — und der Consul war der Meinung, daß diese mir munden würden, weil das Theure in der Regel gut schmeckt.

Meine Gegner fragten mich zu wiederholten Malen, ob ich mit dem Urtheil zufrieden sei, wahrscheinlich auf ein verfängliches Wort lauernd. Vorsichtiger Weise aber bezeigte ich nicht allein meine Zufriedenheit mit demselben, sondern pries auch die Gerechtigkeitsliebe des Consuls. Ich wurde auf den folgenden Morgen zu meinen Gegnern beschieden, um die Sache zu ordnen. Dort versprachen sie mir denn auch, sofort die mir zuerkannte Summe zu zahlen. Als sie mir die englisch abgefaßten Quittungen zur Unterschrift vorlegten, verstand ich mich hierzu, wenn ich die auf meine Waaren für Zölle bezahlte Summen durch Quittung würde bewiesen sehen haben, — was zu fordern mir zufolge des schiedsrichterlichen Urtheils frei stand. Gleich einem Leoparden sprang der eine Chef, der übrigens eher einem Burschen als einem Kaufmann ähnlich sieht, auf mich zu und schrie: „Sie sind mit dem Urtheil nicht zufrieden?“ Im Gegentheil, erwiederte ich mit der größten Ruhe, ich bin ganz zufrieden. „Nein!“ erwiederte jener, „machen Sie, daß Sie von hier fortkommen,“ und ruft Portier, Neger und eine Menge dienstbarer Geister herbei. Allein, wie ich war, mußte ich mich schon zur Retraite entschließen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß meine Gegner beim Gericht auf die Auszahlung der 500 Piaster von meiner Seite angetragen hätten, weil ich, wie es ihr Commis bezeugen wolle, mit dem Urtheil nicht zufrieden sei. — Indeß Herr A.. fertigte mir ein Schreiben aus, welches ich auf der Gerichtsstube abgab und der Erfolg war, daß ich nach einigen Tagen die mir zuerkannte Summe durch einen braven Spanier Franzisco Guyri et Comp. ausbezahlt erhielt und daß meine Gegner die durch ihren Starrsinn entstandenen Kosten allein tragen mußten.

Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß es noch honette, brave Advokaten in den Welt giebt. Als ich nach Beendigung der Angelegenheit bei dem Advokaten Herrn A.. für seine Arbeit und Mühe liquidiren wollte, weigerte er sich, etwas anzunehmen. „Sie,“ sagte er, „haben genug verloren, ich darf nach meinem Gefühle Nichts nehmen. Schicken Sie mir, nachdem Sie wieder in Berlin angekommen sind, das allgemeine Landrecht und ich werde mich für die geringe Mühe belohnt wissen.“ — Auch einige Silbergeschirre, die ich ihm überreichen wollte, verweigerte er anzunehmen.

Die verweigerte Vorlegung der Quittung von Seiten der verurtheilten Gegner und der Vorfall mit den Mantelstoffen, mit dem Fleisch-Inhaber und dem Schottländer Dakins brachten einen Gedanken in mir zur Reife, mit welchem ich lange schwanger gegangen war, nämlich diese Herren durch eine genaue Nachsuchung in den Douanen-Büchern zu kontrolliren. Ich theilte meinen Vorsatz einem jungen Spanier mit und dieser meinte, daß ich dasselbe jetzt, da der Intendant zufolge eines Befehls von Madrid verabschiedet sei und der Gouverneur selbst dessen Geschäft vorstehe, vielleicht werde auszuführen im Stande sein, obgleich ich viele Schwierigkeiten dabei finden dürfte. „Mein Rath,“ setzte der junge Mann hinzu, „wäre dieser: daß Sie, im Falle Sie ihren Endzweck bei diesem Unternehmen erreichten und, woran ich nach dem, was sich zugetragen hat, nicht zweifle, Sie die Diebereien gegen die Krone und Sie selbst entdeckten, daß Sie alsdann für sich selbst Nutzen davon zögen, ohne das Gouvernement darauf aufmerksam zu machen. Denn sehen Sie, die Krone wird bestohlen, sie weiß dieses, weiß aber auch zugleich, daß das nicht zu ändern ist. Der Regierung ist es sehr wohl bekannt, daß diese Insel eine jährliche Revenue von 100 Millionen Francs abwirft, wovon ein guter Theil für die Armee und Salaire an die Beamten verbraucht, und vielleicht 11–12 Millionen veruntreut werden. Nimmt man indeß an, daß etwa 5 Millionen Piaster in Golde von diesen jährlichen Einkünften nach dem Mutterlande ausgeschifft werden, so bleibt es für uns Alle nicht wünschenswerth, daß jene 11–12 Millionen ebenfalls dahin geschickt werden, weil wir unter diesen Umständen bald ohne Geld wären. — Wenden Sie daher den Erfolg Ihrer Nachsuchung für sich an, da ohnedies jede etwanige Publicität Sie verhaßt machen würde.“

Noch an demselben Tage nach dieser Unterredung begab ich mich des Abends um 7 Uhr zum Gouverneur, der Jedem ohne Ausnahme, mit oder ohne Fußbekleidung, Gehör giebt, um ihm eine, jene Sache betreffendes schriftliches Gesuch zu überreichen. Der Gouverneur erschien sehr bald in Civilkleidern und so anspruchslos, daß ich beim Vorbeigehen nicht den hohen Staatsbeamten in ihm erkannte, bis mir der Adjutant sagte: „c’est le Gouverneur.“ Ich näherte mich jetzt der Thür des Gemachs, in welchem er die Supplikanten sprach und mußte die Ruhe und Gelassenheit bewundern, mit welcher er wohl eine halbe Stunde einem alten geschwätzigen Weibe, die für ihren Sohn ein Gesuch anbrachte, sein Ohr lieh. Mit vieler Artigkeit bat er sie endlich, zu enden, indem er, auf uns übrige zeigend, noch mehrere hören müsse. Nachdem sie und noch eine zweite Dame abgezogen war, kam ich heran, überreichte mein bescheidenes schriftliches Gesuch mit der ergebenen Bitte, wegen dieser Behelligung mich zu entschuldigen. Der Gouverneur las das Schreiben durch, versicherte mir, daß er sich nicht im Geringsten dadurch behelligt fühle; es sei seine Schuldigkeit, einen Jeden und insbesondere Ausländer zu hören und zugleich erlaubte er mir, wann und zu welcher Zeit ich wolle, wiederzukommen. „Gehen Sie in etwa 3–4 Tagen zum General-Secretair der Intendantur; ich werde die angemessenen Befehle ertheilen, daß Sie Alles, was Sie wünschen, in der kürzesten Zeitfrist erhalten sollen.“ Hierauf verabschiedete ich mich. Welcher Contrast im Betragen dieses Cubaschen Königs und jenes von Bremen stammenden Commissionairs!

Nach vier Tagen ging ich zum Secretair R...; des Gouverneurs Befehl an den Collecter der hiesigen Douane wurde mir vorgelegt und angedeutet, daß ich in zwei Tagen in diesem Bureau um nähern Bescheid nachfragen könne. Ich ging hin, aber vergebens, und so 10 Tage lang. Ich beschwerte mich stark, lehnte aber ab, selbst zum Collecter zu gehen, weil ich es nur mit dem Gouverneur zu thun haben wollte. Endlich wurde von der Intendantur aus hingeschickt und ich erhielt den Bescheid, des Gouverneurs Befehlen in Betreff meines Gesuchs könne nicht so bald nachgekommen werden, da der zu dieser Arbeit unbedingt erforderliche Beamte sich auf dem Krankenlager befinde. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als den Gouverneur wiederum anzugehen. Es geschah; der Gouverneur empfing mich höchst artig. „Wie weit sind Sie mit Ihren Nachforschungen gekommen?“ — Ich befinde mich noch am Anfange; — man giebt vor, daß der Beamte, welcher Ihrem Willen gemäß die Papiere für mich ausfertigen soll, krank sei. — „Sonderbar! kommen Sie morgen Vormittag um 11 Uhr hierher.“ Als ich am andern Morgen wiederkam, sagte er zu mir: „der Secretair R. hat die bestimmteste Ordre von mir, was er thun soll; melden Sie sich bei ihm, damit er das Weitere für Sie besorgt.“ Dies that ich sofort. Sämmtliche Expedienten standen bald als sie mich kommen sahen, am Tische des ersten Secretairs R. und dieser sagte zu den übrigen: „Ich kann mir das Benehmen des Collecters gar nicht erklären und weiß fürwahr nicht, was ich thun soll. Geben Sie dem Herrn Ries,“ meinte einer der Secretaire, „einen offenen Befehl im Namen des Gouverneurs, daß ihm das nachgesuchte Papier unverzüglich ausgefertigt werde.“ Ohne Zögern folgte der Secretair diesem Rathe. Ich empfing den Befehl und lief, wie eine Katze vom Taubenschlag, zum Collecter, den ich an seinem Arbeitstische sehr beschäftigt fand. Eingedenk des Gebotes: Du sollst das Alter ehren, wartete ich, bis Alle sich entfernt hatten, weil ich voraussetzte, daß ein solcher offener ernsthafter Befehl, aus der Feder eines jungen Secretairs geflossen, dem ergrauten Staatsdiener nicht erfreulich sein würde.

Ich überreichte demselben jetzt meine unversiegelte Depesche; er las sie und las sie wieder wohl zehnmal, beguckte sie von allen Seiten, obgleich auf dem winzigen Blättchen nur wenige Worte geschrieben standen. „Ich weiß nichts von Ihrer Eingabe,“ fing er endlich an. Sie ist hier, entgegnete ich, denn ich weiß, daß sie von der Intendantur schon vor 14 Tagen hierher geschickt worden ist. Der Collecter rief jetzt einem seiner, am nächsten Tische stehenden Secretaire zu: „wissen Sie etwas von des Herrn J. Ri—es (so wird mein Name im Spanischen ausgesprochen) Eingabe?“ Der Secretair mußte unsere kurze Unterredung, da er so ganz in der Nähe stand, mit angehört haben, fragte aber ganz fremd: „Ri—es? — Kommen Sie, ich will mich erkundigen.“ Er führte mich in das Nebenzimmer und nach eingezogener Erkundigung wurde mir gesagt, daß der Expedient, dem die Anfertigung übertragen worden, krank sei, indessen das Papier solle bis zum andern Vormittage um 11 Uhr in dem Bureau der Intendantur ausgeliefert sein. Ich ging jetzt nach der Intendantur zurück, um dem Secretair R. Bericht abzustatten, der mich dann auch auf den folgenden Morgen beschied und hoffte, daß der Bescheid eingehen werde. Am andern Morgen erfuhr ich nun, daß der Bescheid da sei, aber nicht der erwartete. Der Herr Collecter berichtet nämlich, daß, da die Bücher nach dem Archive geschafft wären, nur der Archivist über das Geforderte Bericht erstatten könne. Meinem Verlangen gemäß, wurde mir dies auf einem Billet niedergeschrieben, mit welchem ich mich sofort zum Gouverneur begab.

„So muß ich also dem Archivisten den Befehl ertheilen, Ihnen den Auszug anzufertigen,“ sagte der gutmüthige Gouverneur; „gehen Sie morgen früh, aber nicht vor 12 Uhr zum Secretair R., Sie werden dort meinen Befehl für den Archivisten finden.“ — Ich fand denselben in der That zur festgesetzten Zeit und der Secretair R. war so gefällig, denselben durch einen Beamten aus seinem Bureau nach dem Archiv zu befördern und ich folgte nach. Der Chef des Archivs sprach sehr geläufig französisch und englisch und bemerkte lächelnd, er könne mir im Voraus sagen, daß ich mehr bezahlt haben werde, als die Commissionaire nach den im Archiv befindlichen Büchern bezahlt hätten; er, der früher einmal auch Kaufmann gewesen, wisse, wie es zugehe. Er versprach, das Papier am folgenden Morgen in Ordnung zu haben. Er forderte zugleich von mir, daß ich ihm einen genauen Auszug von den Monaten und Tagen, an welchen die Schiffe, die ich in meinem Verzeichnisse namhaft gemacht hatte, in Havana eingelaufen seien, welches er aus den Büchern nicht ersehen zu können vorgab. Obgleich ich dieses nach der Art und Weise, wie die Bücher in Havana auf der Douane geführt werden, für eine leere Entschuldigung anzusehen berechtigt war, so versprach ich ihm doch, mich der Besorgung unterziehen zu wollen. Anfänglich schien mir die Aufgabe sehr schwer, indeß fand ich bald einen sichern und leichten Weg hierzu. Ich ging nämlich nach der Lonja (Börse) und machte aus den daselbst liegenden Büchern, welche über die Ankunft aller Schiffe sprechen, einen genauen Auszug, den ich schon nach Verlauf von einer halben Stunde nach dem Archiv bringen konnte, worauf der Archivist wiederholt mir den Auszug am folgenden Morgen für ganz gewiß versprach.

Es vergingen indeß wohl 14 Tage und jeden Tag erzählte mir der Archivist etwas Anderes, warum er es nicht möglich machen könne. Als ich zuletzt sehr dringend ward und mit Beschwerdeführung beim Gouverneur drohte, sagte er mir: „Ich kann wenige von den durch M... für Sie eingeführten Waaren weder in den Büchern noch in den Manifesten finden.“ So wurde ich noch länger als acht Tage hingezogen, bis endlich der Archivist, da er meine Geduld erschöpft glaubte, mir eröffnete: „Sie finden die geforderten Papiere beim Gouverneur, ich habe sie heute dorthin befördert.“ Ich wendete mich jetzt an diesen, aber er wußte von nichts. Nach einigen Tagen nun endlich wurden sie mir in der Intendantur überreicht. Das Resultat war komisch, für mich freilich traurig, weil Herr M... beinahe Alles, was er mir für Zölle angesetzt hat, worüber dessen mir übergebene Rechnungen sprechen, nicht bezahlt hat, und ist das Original dieses Instruments beim Verfasser einzusehen.