Geht schon aus diesem kleinen Verzeichniß die Wichtigkeit Cubas für die V. S. hervor, so stellt sich dieselbe doch noch mehr heraus, wenn man auch folgende Artikel hinzurechnet, die auf Cuba, wegen Mangel an Menschen nicht verfertigt werden, nämlich: das Holz, aus welchem die 750,000 Kisten zum Verpacken des auf Cuba erzeugten Zuckers gemacht werden, wofür der Producent dieses Artikels 3½ Piaster für jede vom Käufer wieder erhält; ferner die Masse Schweinefleisch, Lichter, Aepfel-Champagner, Knoblauch und Zwiebeln, von welchen ganze Ladungen anlangen; Stühle, Bänke, Tische, kurz Alles, was in den Häusern nöthig ist. Für alles dieses fließen den Amerikanern von Cuba ungeheure Summen zu, welche jedoch sehr oft nicht zureichen, den Belauf der von den Amerikanern aus Cuba bezogenen Artikel, als: Tabacke, Cigarren, Caffee, Melasse, Branntweine, Zucker, Früchte etc. zu decken. Es giebt sehr oft in Havana so viele Wechsel auf alle Handelsplätze in den V. S., daß den Käufern oder Abnehmern freiwillig eine Prämie von 3, zuweilen gar 4½ Procent angeboten wird. Bei diesen Umständen und bei solchen Gelegenheiten könnten die deutschen Commissionaire freilich sehr zum Nutzen ihrer Freunde in Europa agiren, wenn sie nämlich statt Colonial-Waaren Wechsel auf New-York für dieselben kaufen wollten und von dort auf London Wechsel anschaffen ließen. Allein dies geschieht nie; jeder deutsche Commissionair, welchem Credit in London zu Gebote steht, schickt seinem europäischen Freunde seine von ihm selbst auf London gezogenen Wechsel als Rimessen und berechnet die in Havana statt findende Prämie, welche gewöhnlich mehrere Procente höher, wie die in New-York ist. Es ist demnach mit Gewißheit anzunehmen, daß der deutsche Commissionair in Havana neben den 2½ Procent, welche er für die Anschaffung von Rimessen dem Europäer in Rechnung stellt, durch jene Operation noch 3–4 Procent verdient.

Ueber die
Feste und Vergnügungen
der
Havaneser.

„Heute nimmt der Carneval seinen Anfang!“ sagte meine Wirthin, als ich eines Morgens aus meiner Arche in ihr Zimmer trat, um mich zu einem Spaziergange an der Seeküste wegzubegeben; „heute,“ fuhr sie fort, indem sie eben Caffee schlürfte,[C] „müssen Sie sich einmal ganz dem Vergnügen hingeben, denn bis jetzt haben Sie wenig oder gar nicht gelebt.“ Während dessen vernimmt sie das Ausschreien von Lotterie-Loosen durch einen hausirenden Collecteur. Wie der Blitz war sie zur Hausthür hin, welche zugleich die Thüre ihres Visiten-Zimmers ausmachte, mit der einen Hand dieselbe öffnend, mit der andern die Tasse Caffee haltend, „vielleicht — ja“ aussprechend, um ihr Schärflein zu diesen Regierungs-Revenuen beizusteuern. Die Nummern der Loose wurden sorgfältig durchgesehen und gemustert und ein Viertel-Loos in Gemeinschaft mit einem zufällig anwesenden jungen Franzosen gekauft. Von derselben Nummer hatte der Collecteur noch ein anderes Viertel, welches zu nehmen sie mich persuadiren wollte; da ich indessen diese Lotterie, wegen der unverhältnißmäßigen Anzahl der Nieten zu den Gewinnen haßte, so schlug ich es ab. Zufällig kaufte es der zum Frühstück nach Hause gehende Sohn meiner Wirthin und sonderbar genug, daß dieselbe Nummer in wenigen Tagen die höchste Prämie von 25,000 Piaster erhielt. Es wäre freilich ein erfreuender Carneval für meine Finanzen gewesen, sagte ich, als mir die Liste und das Loos beim Frühstück gezeigt wurde, allein sein Sie überzeugt, daß, wäre ich Inhaber dieses Looses gewesen, Sie nichts gewonnen hätten, weil Fortuna die einzige im Frauengeschlecht ist, welche mir, da mein eiserner Fleiß ihren Gnadenbezeugungen stets getrotzt hat, stets entgegen trat und mich zum Hasser des schönen Geschlechts hätte machen können, wenn ich es nicht wegen der so vielen guten Eigenschaften so tief verehrte. Und dennoch ein Hagestolz? fragt vielleicht eine geehrte Leserin. Ja, meine Schöne, würde ich antworten, Hagestolz und zwar aus dem Grunde, weil ich täglich neue Bekanntschaften unter Ihrem Geschlecht und täglich bessere Eigenschaften zu entdecken Glück und Gelegenheit hatte, so daß ich die vollkommenste Frau aufzufinden mich entschloß und bei diesem Suchen ergraut bin, wodurch mir denn nur Ansprüche auf Ihren Geist, aber keine auf Ihre Herzen übrig geblieben sind.

Als ich beim Fortgehen vom Hause über die Worte der Wirthin reflektirte, daß ich mich dem Vergnügen hingeben müsse, dachte ich bei mir selbst: worin kann und soll denn ein Mann in deinem Alter Vergnügen finden? Sollst du noch mehr thun, als anständig leben und dich kleiden? was allein schon in Havana Einem schwer wird. — Aber es ist ja Carneval, dachte ich; du mußt also versuchen, auf die in diesem Lande übliche Weise das Geld todtzuschlagen.

Zuerst also beschloß ich, von meiner Gewohnheit abzuweichen und ein großes Frühstück einzunehmen. Du mußt deinem Gaumen den Carneval durch Austern kund thun, dachte ich und ging demzufolge nach einem mit Zugwinde versehenen Lokale. Durch die Dienstfertigkeit der cigarrenrauchenden Marqueurs stand bald eine Portion Austern auf meinem Tisch, an welchem sich mehrere junge Herren in derselben Absicht befanden. Ich beguckte diese so wie die mir vorgesetzten Austern und, sonderbar genug! es erging mir mit den Austern nicht besser, wie mit den Herren; eben so wenig als ich wegen der großen Backenbärte die Gesichter der letztern zu beurtheilen im Stande war, eben so wenig wollte es mir gelingen, die wirklichen Austern aus dem Bart und aus den Schalen herauszufinden. — Ich bezahlte ¾ Piaster für dieses frugale große en miniature aufgetragene Frühstück und dies war gut — für? — den Wirth.

Durch den vermeinten Austernschmaus war mein Appetit rege geworden, allein er verging mir bald wieder, als ich mich gegen Mittag der belle Europe näherte, als ich im Entree die verschiedenen Gerüche von Lampenöl, Knoblauch u. s. w., womit die Speisen zubereitet worden, einathmete, als ich das Reinigen der Messer und Gabeln von Seiten eines Negers sah. Der Oberkellner war damit beschäftigt, aus den Neigen der in verschiedenen Flaschen vom Abend zuvor übrig gebliebenen Weine, durch Zusammenschütten volle Flaschen zu erzeugen. In Havana nämlich ist es gebräuchlich, daß vor jedem der Couverte eine volle Flasche, d. h. ¾ Flasche steht; es wird jedoch nur so viel dafür bezahlt als daraus getrunken ist und mit den Neigen wird dann der erwähnte Prozeß vorgenommen, denn von ihnen gilt das, was in Wallensteins Lager der Rekrut mit zerrissenen Kleidern spricht:

Stellt mich morgen in Reih’ und Glied dar,

Wer sieht mir’s an, was ich gestern war!

Ich nun bekam auch ein solches Mixtum-Compositum von Catalonischen und Französischen Weinen, ein Steak aus dem Fleisch von Montevideo und gesäuertes,[D] mit Schweineschmalz gebackenes Brod und eine Flasche des allerbesten, vor vielleicht vier Wochen eingesammelten Regenwassers, unfiltrirt: wofür ich etwa 1 Thlr. bezahlte; wieder gut für die belle Europe, von deren Schönheit ich kein Anbeter war.