Nach dem Mittagsessen entschloß ich mich, einen Spanier, der mich zum Caffee eingeladen hatte, aufzusuchen, welches hier, da es keine Wohnungs-Anzeiger giebt, die Namen der Hausbesitzer auch nicht an den Thüren gefunden werden, eine sehr schwierige Aufgabe ist; die Kaufleute haben sogar keine Firma; die Läden haben wie in den deutschen Badeörtern ihre eigene Benennung als: der Hirsch, die blaue Kuh, Columbus etc. Erst nach langem Suchen fand ich meinen Spanier, der mich mit seinen beiden funfzehn- und eilfjährigen Töchtern, die mit ihren brennenden Cigaro’s da saßen, erwarteten. — Als der Caffee servirt wurde, fand ich in den kleinen Unterschalen zu meinem Erstaunen statt der Theelöffel sehr große und schwere Suppenlöffel die mich einigermaßen genirten. Indeß sah ich denn doch, daß die Suppenlöffel, die hier in großen Vorräthen bei den Silberschmieden aufgehäuft liegen, eine Bestimmung haben, denn die Suppen sind in Havana so kompakt, daß sie mit dem Messer verzehrt werden können. — Es wurde viel Caffee getrunken und eben so viel von allen Seiten Cigarren geraucht, wobei ich mich an der Virtuosität der jungen höchst liebenswürdigen Spanierinnen ergötzte, während ich mich, wie jene, in einem von den Schaukelstühlen wiegte. — So wurde der erste Carnevalstag auf eine comfortable Weise todtgeschlagen, bis ich um neun Uhr in meine Arche zurückkehrte.
Um dem Willen meiner Wirthin nach Vermögen nachzukommen, wandte ich am andern Morgen zunächst meine Aufmerksamkeit einem bessern Essen zu, was doch auch mit zu einer vergnüglichen Existenz gehört. Was wir Europäer unter: Gut essen verstehen, das konnte, wie ich aus meinen bisherigen Erfahrungen wußte, nicht gut in Havana möglich gemacht werden. Durften doch selbst bei meinem Commissionair, dem Fleisch-Inhaber, unter den vielen Schüsseln die besten nicht angetastet werden, weil sie für seine außer dem Hause wohnende Maitresse bestimmt waren; den Gästen wurden sie nur gezeigt und dann fortgetragen, wobei es sich glücklich ereignete, daß keine neugierigen Eva’s-Töchter zugegen waren. Ich indeß wünschte nur einen Tisch zu finden, auf welchen genießbare Speisen aufgetragen würden und berieth mich deshalb mit einem Franzosen. Dieser wies mir das Haus einer Französin an, woselbst ich für 30 Piaster pro Monat recht gut und zugleich in angenehmer Gesellschaft diniren und frühstücken könnte.
Ich begab mich nach diesem Hause. Eine der Hauptzierden des Tisches war ein Bocksbraten, incognito, unter dem Namen Mouton in Knoblauchs-Uniform, um nicht verrathen zu werden. Das Dessert bestand aus vielen Kuchenarten und eingemachten Früchten; aus den erstern blies Jeder, bevor er sie genoß, die Ameisen und andere artige Insekten;[E] die Gesellschaft war angenehm, die Dienerschaft zeigte viel Gehorsam und besondere Aufmerksamkeit für die Gäste; man hatte sogar für einige Knaben und Mädchen gesorgt, die, da es gerade sehr heiß war, durch Eventails die Hitze der Mitspeisenden weniger fühlbar zu machen suchten; nur hätte man auch auf reinliche Wäsche und Kleider derselben sehen sollen. Am folgenden Morgen sollte ich erklären, ob ich, wie mein Freund, für die Dauer Abonnent sein wollte. Ich wollte jedoch zuvor zu einer ähnlichen Maßregel schreiten, als wenn ich mit Hauderern reisen wollte; wie ich dann zuerst die Pferde und Wagen mir besah, so wollte ich jetzt die Küche etwas ansehen.
Ueber dieselbe etwas Näheres zu berichten, würde überflüssig sein, wenn die Leser mit der chirurgischen Operation bekannt geworden sind, die ich hier wahrnahm. Ich fand nämlich eine Negerköchin in einer solchen begriffen, indem sie einen etwa dreijährigen Knaben von einer hartnäckigen Obstruction befreien wollte. Da sie jedoch während dieses wichtigen Geschäftes durch das Ueberkochen eines Fricassés zur Kastrolle abgerufen wurde, so legte sie rasch das chirurgische Instrument nieder und lief ohne Weiteres zur Kastrolle, um dort die nöthigen Operationen vorzunehmen. Nachdem ich diese saubere Carnevals-Scene gesehen, beschloß ich sofort, eine für mich befriedigendere Carnevals-Speise aufzusuchen und dies gelang mir denn auch bald in einem Gasthof ohne Zeichen, dessen Wirthin, Madame Henry, eine gefällige Amerikanerin ist. Sie giebt für einen Piaster ein gutes Mittagessen und ausnahmsweise auch von dem für sich ohne Sauerteig und Schweinefett gebackenen Brode. Der Wein nur hatte hier, wie überall in der neuen Welt, chemische Processe zu ertragen gehabt. Hinsichtlich der Küchen-Revisionen dachte ich aber jetzt, wie Gellert in seinen Briefen von den Landkutschen: „Einmal in der Landkutsche gefahren und nie wieder.“
Nachdem ich meinen Magen so ziemlich versorgt wußte, fing ich an, Nahrungsstoffe für den Geist aufzusuchen. Das Erste für die Havaneser in dieser Beziehung ist das Stiergefecht. Das Lokal zum Martern dieser Thiere befindet sich auf der andern Seite des Flusses in einem kleinen Orte, Redler genannt, dessen wohlhabende Bewohner viele Geschäfte mit Wachs und Honig treiben. Um dieses schauderhafte Vergnügen zu genießen, bezahlt man 6 Realen (etwas mehr als 1 Rthlr). Es befanden sich an jenem Tage gegen 2–3000 Zuschauer im Circus, der in Betreff der Baukunst nichts Angenehmes darbietet. Die Stiere befinden sich in den Händen des Gouverneurs, weshalb das Schauspiel erst nach dessen oder seines Deputirten Ankunft seinen Anfang nimmt. Sobald diese hohe Person erschienen ist, tritt der Direktor in alt-spanischem Costüme unter die Loge, aus welcher ihm die Schlüssel des Ankleide-Zimmers der stierkämpfenden Schauspieler herabgeworfen werden; er nimmt dieselben mit einer tiefen Verneigung in Empfang und öffnet sogleich die Thür, um eine der Bestien herauszutreiben. Muthig zeigt sich nun der erste dem in Leinen gekleideten Publikum, (denn unter allen Anwesenden waren nicht 100 in Tuchröcken); dort stehen die Marterer mit den Spießen, die sie den Thieren in die Ohren werfen müssen, damit sie wüthend werden. Im Uebrigen ist die dabei statthabende Musik, welche durch eine ungeheure Trommel, mehrere Posaunen, Trompeten und Becken hervorgebracht und durch Neger geleitet wird, ganz geeignet, die Ochsen zur Wuth zu reizen.
Wird der agirende Ochs nicht in den ersten fünf Minuten rasend, so zischt ein großer Theil des Publikums und drückt sogar sein Mißfallen durch Worte aus, um die hetzenden Diener, welche zu Pferde oder auch zu Fuße mit Spießen, couleurten Fahnen, Tüchern etc. umher rennen, anzutreiben. Diese aber haben ihre Schlupfwinkel und werden oft, wenn sie in dieselben nicht rasch genug zu retiriren wissen, getödtet. Das Pferd eines dieser reitenden Diener wurde an diesem Tage so zugerichtet, daß die Eingeweide desselben wohl ¼ Elle lang heraustraten und es sogleich niederfiel. Die Thiere werden bis zum Niederstürzen gemartert; fallen sie, so tritt ein privilegirter Henkersknecht mit einem langen Spieß heran und beendet das große Werk. Als dies geschehen war, erschien ein Postzug von drei Pferden (in die Länge gespannt) und der getödtete Stier wurde in vollem Trabe, unter Jubelgeschrei und Beifallsklatschen der Anwesenden hinausgezogen. Und sofort wird ein anderes Thier hinausgetrieben, um das Schicksal des erstern zu haben. — Die allermuthigsten werden gewöhnlich erst am Ende auf den Kampfplatz gebracht. Der letzte war auch der glücklichste von allen; trotz aller Mühe, welche man sich gab, ihn zum Stürzen zu bringen, bestand er jede Probe, ja selbst die Feuerprobe; er wurde nämlich in eine mit Feuerwerk gefüllte weibliche Figur hineingetrieben und entkam der Gefahr, und unter Klatschen und Beifallrufen kehrte er in seinen Stall zurück.
Nicht weit von Redler liegt ein kleiner Flecken, wo ein bedeutendes Geschäft mit Melassen, einem Syrup, den man nicht wie in Europa beim Raffiniren, sondern aus dem rohen Zucker gewinnt, getrieben wird. Ueber die Art und Weise, wie das Produkt erzeugt wird, will ich nichts anführen, indem ich voraussetze, daß Herr von Humboldt und andere Gelehrte in ihren Abhandlungen über den Zuckerbau hierüber das Wissenswertheste gesagt haben. Ich langte gerade in jenem Flecken an, als der Inhalt eines Fasses, nach Freiheit strebend, den Boden des Fasses zum Nachgeben gezwungen hatte und frei herauslief. Zwei Neger waren sogleich bei der Hand, die Melasse zu sclavischem Gehorsam zurückzuführen und beschäftigten sich damit, diesen flüssigen Stoff mit ihren schwarzen Händen (weshalb es für das Urtheil des Profanen ungewiß blieb, ob sie schmutzig waren oder nicht) vom Boden aufzuschöpfen und einzugießen. Welch ein erfreuender Anblick, dachte ich, müßte diese Operation für einen Nord-Amerikaner sein, welche beim Caffee oder Thee zum Frühstück einen Pfannkuchen, in solchem Syrup getränkt, zu genießen pflegen.
Von den Prozessionen, die ich hier gesehen, verdient zunächst die am Carneval übliche angeführt zu werden, weil schon die Tendenz derselben sehr lobenswerth ist, nämlich den Kranken und Schwachen, welche an den Carnevals-Freuden Theil zu nehmen verhindert sind, Kunde davon zu geben. Jeder Conditor und Bäcker nämlich hat Brod- und Kuchen-Arten für den Zustand des Kranken, aber auch der Gesunden zubereitet, welche aus ihren Wohnungen der vorüberziehenden Prozession auf großen Präsentir-Tellern gereicht werden und Träger finden sich bald bereit, um sich ihren Magen und den Hospitälern nützlich zu erzeigen. Auch wird von den Spanierinnen Charpie in großen Quantitäten auf eben solchen großen Präsentir-Tellern den bereitwilligen Trägern übergeben.
An demselben Tage bemerkte ich auch das Leichenbegängniß eines Staatsdieners; ganz in prozessionsartigem Zuschnitte lag die Leiche im offenen Sarge in vollem Ornate, mit den dieser Person gewordenen Ehrenzeichen. Eine schlechte Anordnung in solchem heißen Lande! Gern hätte ich auch den Leichenzug eines Havanesischen Kaiser Napoleon mit beigewohnt, ein Kirchendiener nämlich, der wegen der täuschenden Aehnlichkeit mit diesem großen Manne, sich eben so zu kleiden pflegte, wie dieser. In jüngern Jahren soll er auch nach Europa gereist sein, um die feinen Nuancen im Benehmen des Kaisers beobachten und copiren zu können. Ich wurde aber durch Geschäfte abgehalten, der Beerdigung desselben beizuwohnen und kann deshalb darüber nichts Näheres berichten.
Mit großen Lettern prangte heute auf den Theater-Zetteln, die im allergrößten Formate an allen Straßenecken angeklebt waren, Rossini’s beliebte Oper: der Barbier von Sevilla, im Opernhause, nur von italienischen Künstlern ersten Ranges dargestellt, und präcise um sechs Uhr befand ich mich zum ersten Male auf dem Wege nach dem Opernhause. Da aber der liebe Gott die Tabacks-Produzenten unterdessen mit einem lang erflehten Regen erfreut hatte, so war diese Reise nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten auszuführen, indem selbst die Volanten nur mit Mühe durch den Lehm sich durcharbeiteten. Als ich endlich unversehrt anlangte, zeigte mir das Gedränge an der Kasse bald die Unmöglichkeit, eine Einlaßkarte lösen zu können, und schon war ich im Begriff fortzugehen, als mir Jemand eine anbot zu sechs Realen (1 Thlr.). Mein Erstaunen war nicht gering, als ich erfuhr, daß diese sechs Realen bloß für die Erlaubniß ins Haus zu treten bezahlt seien, daß ich, wenn ich einen Sitz haben wolle, noch 1½ Piaster hinzuzulegen hätte, weil jeder einzelne Platz für 51 Piaster auf 24 Vorstellungen abonnirt sei. Da die Logenthüren stets offen bleiben, fiel ein in kurzer Entfernung stehender Deutscher ein, würden Sie wohl daran thun, sich an einer von den Logenthüren aufzuhalten, wenn Ihnen das Stehen nicht zu lästig ist. Diesen Rath befolgte ich und er fand sich auch als der erste vernünftige, der mir während meines Hierseins von einem Deutschen ertheilt wurde.