Die Logen-Abonnenten langten successive an; an jeder Loge befand sich ein gallonirter Neger als Begleiter und Beschützer der Frauen. Dieses letztern Ausdruckes darf ich mich eigentlich nicht bedienen, weil alle Damen ohne Kopfbedeckung erschienen und ich mithin nicht wissen konnte, welche von ihnen unter die Haube gekommen war. Die Sänger waren größtentheils Invaliden, wenn ich sie mit denen der großen Londoner und Berliner Oper vergleiche. Es war kein Rosinchen von französischem oder italienischem Weinstock, nein! es war eine derbe von Malagaschen Trauben erzeugte Rosine, welche dessenungeachtet derb gefiel; ein Nasen-Tenorist; ein mit hölzernem Spiel und ditto Stimme begabter Figaro und alle übrigen Mitwirkenden ließen ihre Arme und Beine für die Hauptsache sorgen. Die Chöre bemühten sich, einen Galamathias zu schreien; der Musik-Direktor, ein Holtér von Geburt, klopfte derb auf und machte es „holter“ recht. Das Orchester war brav, indem es aus Musikern der dortigen Regimenter zusammengesetzt war.

Der Vorstellung und besonders des Stehens überdrüssig, sehnte ich mich jetzt nach einem Sitz, wobei ich gestehen muß, daß, wäre ich vielleicht 20 Jahre jünger gewesen, ich mich wegen der beiden höchst liebenswürdigen Spanierinnen, hinter deren Sitz ich stand, zum ewigen Stehen (NB. diesen Theater-Abend) würde bereit gefunden haben. Ich bemerkte bald, daß der Inhaber des Erfrischungs-Saales vor dem in demselben angebrachten Fenster mit Gittern stand und seinen Cigarr schmauchte; von dort aus aber konnte man durch eine offen stehende Logenthür die Bühne übersehen und jeden Ton deutlich vernehmen. Rasch ließ ich meine schönen Spanierinnen im Stich, eilte nach diesem Saal und bestellte ein Glas Aqua de Panaly[F] und schaute und hörte bis zu Ende des ersten Aktes. Jetzt aber füllte der Saal sich so übermäßig mit Cigarrenrauchern, daß ich mich zum Abzuge entschloß. Ich machte jetzt die Ronde hinter den Logen und stieß jede zwei Schritte auf einen mit blankem Seitengewehr in der Hand postirten Militair. Ich hörte, daß die Mannschaft, die hier den Dienst verrichtet, sich auf eine complette Compagnie belaufe und alle Gewehre scharf geladen seien. Es geschieht dies wegen der Masse von Negern, die hier beisammen sind. Im Parquet bemerkte ich jetzt Niemand, denn Damen gehen nicht hinein und die Herren rauchten alle einen Cigarr im Caffeehause; ich machte während der Pausen eine Promenade auf das italienische Dach. Die mondhelle Nacht bot mir etwas dar, was jeden mit Gefühl für Natur und Kunst begabten Europäer überraschen mußte. Ich war tief ergriffen, als ich auf die im Strome vor Anker liegenden Schiffe (in allen Größen, ja sogar Kriegsschiffe) herabsah und auf der ans Opernhaus angränzenden Promenade die spazierlustige Welt, um sich von der Tageshitze zu erholen, mit brennenden Cigarren umherwandernd, erblickte. — Als ich aus den höhern Regionen dieses schönen Musentempels in die untern Räume zurückkehrte, wo die Diener des Mars walteten, rollte eben der Vorhang zum zweiten Akt herauf. Eingedenk der Gefahr, die ich bei meiner Hieherkunft in Beziehung auf die Volanten zu bekämpfen hatte, welche nach Beendigung der Vorstellung noch größer zu werden versprach, trat ich die Wanderschaft nach meiner Arche an.

Meine Wirthin war, als sie sich durch die mitgebrachte Contre-Marque von meiner Gleichgültigkeit gegen die gepriesene italienische Oper überzeugt hatte, sehr aufgebracht und meinte es sei nun bald Zeit für mich, in mein deutsches Sibirien, Berlin genannt, zurückzukehren. — Auch die Ratten feierten in meiner Arche ihren Carneval, sie ließen mir wenig Ruhe und mußten während der Nacht sehr ausgelassen (trotz unseren deutschen Rheinländern, den Cölnern) gewesen sein, denn als ich mich am andern Morgen von meinem Stickrahmen erhob, waren zwei Fuß aus der Wand zunächst meinem Lager zusammengearbeitet. Dies erzeugte in mir den Gedanken, die Redoute im Theater de Tacon an diesem Abend zu besuchen, um mich ermüdet und des Schlafens gewiß niederzulegen.

Es werden hier stets zwei aufeinander folgende Redouten gegeben; da der Spanier sich in Masken-Anzügen am besten gefällt, so ist es nichts Seltenes, daß an demselben Abend 3–4 statt haben. Also nach der Redoute! dachte ich. Aber ist es nicht eine Sünde gegen das achte Gebot für einen Mann, wie ich, auf die Redoute zu gehen? — Wird doch, tröstete ich mich, die edle Zeit ohne Furcht und fortdauernd von so Vielen getödtet; so tödte denn auch du einmal dieselbe aufs beste. Schon um acht Uhr des Morgens verkündigten die sehr langen und breiten Anschlagezettel, daß an diesem Abend die größte aller Redouten statt finden solle, indem 10,000 Personen sich einfinden würden. Mit Sehnsucht wartete ich auf den Abend, dies Wunder zu sehen, aber meine Freude wurde zu Wasser, denn es fing plötzlich an zu regnen, als sollte eine Sündfluth statt finden. Die Straßen werden unpassirbar und ich entschließe mich, zu Hause zu bleiben. Indeß zur Freude des Unternehmers dachten nur wenige so wie ich; es wimmelte trotz des Morastes in den Straßen von Masken in weißen und farbigen Anzügen; die Wirthe beeilten sich, den zu Fuß wandernden Masken hülfreiche Hand zu leisten; in den unpassirbaren Straßen werden Nothbrücken und Trottoirs von Brettern gelegt und siehe da! der Saal ist noch, wie mir versichert wurde, gepfropft voll gewesen.

Meine Wirthin nahm selbst zwar an keinem Vergnügen mehr Theil, bekümmerte sich aber nichts destoweniger um alle; sie wußte jede Neuigkeit, wußte, wo es Schmausereien und Bälle gegeben hatte und geben würde. Sehr glücklich für Sie, fing sie eines Morgens an, daß der Regen vor einigen Tagen Sie von der Redoute zurückgehalten hat; Sie bekommen übermorgen für Ihr Geld eine weit hübschere zu sehen, eine Redoute romantique nach der Form eines bal masqué romantique, der vor einigen Tagen von einem reichen Spanier zum ersten Male gegeben wurde. Ich wußte in der That nicht, was es mit dieser Romantik des Balles für eine Bedeutung haben solle, und die gute Wirthin fuhr erklärend fort: Sehen Sie! ein reicher Spanier hatte die Absicht, sich zu verheirathen. Nun hatte er die Bekanntschaft sehr vieler Damen; unter diesen aber waren 10–12 gleich schön und liebenswürdig, so daß er unter diesen zu wählen sich nicht entschließen konnte, da er keinen Grund hatte, der einen oder der andern den Vorzug zu geben. Um nun aber nicht, wie jener Esel, der sich nicht zu einer Wahl zwischen mehreren Heuhaufen entschließen konnte, ewig auf derselben Stelle stehen zu bleiben und zu hungern, gerieth er auf folgendes Manöver. Er gesteht frank und frei jeder der Damen sein Unvermögen zur Wahl und eröffnet ihnen dabei seinen Plan: er werde die Damen alle gemeinschaftlich zu einem Balle einladen und die Einladungskarte mit einer Nummer versehen; alle 12 Nummern sollten in ein Glücksrad geworfen und unter Cupido’s und Hymens Schutz tüchtig durchgemischt werden, und Fortuna solle dann beim Herausziehen einer der 12 Nummern für ihn entscheiden, welche von den 10–12 Auserkornen die auserkorenste sein soll. — Da die Spanierinnen hinsichtlich des Verheirathens wie alle Europäerinnen denken, d. h. mit dem Wunsch, sich zu verheirathen, zu Bette gehen und wieder aufstehen, so fand ein solches Unternehmen keine Schwierigkeit und — der junge Mann hat eine recht niedliche und zugleich gute Frau bekommen. Und sehen Sie, fuhr sie fort: auf ähnliche Weise wird die nächste Redoute romantique statt finden, nur mit dem Unterschiede, daß hier eine Frau von Ihnen erhascht werden kann und zwar eine sehr ruhige, friedliebende, nämlich eine leblose mit einer goldenen Kette, (im Werth von vier Dublonen) geschmückte, — Figur. Sehr gut! erwiederte ich, bei einer solchen Heirath riskirt man doch nicht seine häusliche Ruhe; ich werde mich um sie bewerben. — Mit dem Glockenschlage 10 stand ich an der Kasse, legte bescheidener Weise einen Piaster nieder und erhielt mit einem Billet Hoffnung zum Besitz einer der anspruchlosesten Frauen — indessen Fortuna gestattete mir auch hier nicht, Hymens Fessel anzulegen.

Der Saal entsprach übrigens nicht meiner Erwartung, indem man mir oft gesagt hatte, das Carlo-Theater in Neapel sei ein Miniatur-Gebäude gegen dieses de Tacon; ich fand diesen Saal nicht größer als den des neuen Hamburger Schauspielhauses bei Redouten. Das Haus ist durch und durch von Holz, die Beleuchtung sehr schwach, welches wohl dem bedeutenden Verbrauch des Oels bei Zubereitung der Speisen zuzuschreiben ist; man konnte, obgleich die Logen des ersten Ranges in keiner zu großen Entfernung sind, nichts von den in denselben herumschweifenden Masken unterscheiden.

Die Masken-Ordnung ist eine sogenannte zwanglose, d. h. Unordnung. Die Neger ausgenommen, ist Jedem der Zutritt gestattet, mag er in schmutzigen oder reinlichen Hauskleidern erscheinen. Im Saale ist das Cigarrenrauchen erlaubt, weshalb beinahe Alle rauchen. Da der Spanier für Hazard-Spiele und das schöne Geschlecht mehr Neigung hat, als irgend eine andere Nation, so konnte der Unternehmer wohl die Anzahl seiner Besucher vorausbestimmen und auf 12,000 angeben, und so groß war auch wirklich die Anzahl der vertheilten Entréekarten, obgleich höchstens für 3000–3500 Personen Platz im Saale ist. Die, welche keinen Platz im Saale fanden, spazirten in den blühenden Orangen-Alleen und athmeten bessere Düfte als die im Saale.

Die Alleen glichen einem Lustlager; man fand hier Reihen erleuchteter Buden mit Erfrischungen aller Art: da standen in Oel gesottene Ziegenfüße, dort eben so zubereitete kleine Fischchen, die wegen ihrer kleinen niedlichen Gestalt ihren Namen Petit-nets verdienen. Dort bemerkt man Buden mit eingemachten Früchten und Confituren, auf welchen sich Blumenstücke von den vorzüglichsten Ameisen und andern dort einheimischen Insekten, nicht nach dem Leben, sondern nach dem Ableben derselben gebildet hatten. In manchen Buden wurden Milch- und andere Punsch-Sorten geschenkt. Zwischen den Buden lagen die respektiven Köche auf dem durch die Hitze seit einigen Tagen ausgetrockneten Lehmboden hinter dem Feuer von Holzkohlen, und die reich gekleideten Masken sah man lüstern auf die in Oel siedenden Gerichte hinblicken. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich die Anzahl der Menschen, die sich herumtrieben, auf 10 bis 12,000 angebe. Es war ein herrlicher Anblick, in der mondhellen Nacht eine solche Masse lebenslustiger Menschen unter Gesang und Spiel umherschwärmen zu sehen und nicht einen einzigen Betrunkenen zu bemerken. Aecht Spanisch! Jeder und beinahe Jede mit einem brennenden Cigarr im Munde, aber alle nüchtern.

Auch die Negersclaven begehen acht aufeinander folgende Stunden den Carneval. Am heiligen Drei-Königs-Tage, des Vormittags um 10 Uhr, hört man überall Trommelschläge, die Signale, daß der Carneval seinen Anfang nehmen wird. Es gruppiren sich jetzt in allen den Straßen, in welchen jene Signale gegeben worden sind, diejenigen, welche an der aus jener Straße abziehenden Gesellschaft Theil zu nehmen versprochen haben. In jeder dieser Gruppen befindet sich nur ein wohlgestalteter Neger en masque; da sieht man dieselben in Häuten wilder Thiere Ungeheuer vorstellend in der einen Gruppe, oder auf Stelzen; in der andern sieht man Neger, deren Körper bis zum Unterleibe förmlich lackirt sind, auf dem Leibe Tigerflecken und Zebrastreifen nach dem Leben gezeichnet, die Wangen weiß oder roth lackirt, welches einen höchst komischen Effect macht; Andere wiederum erscheinen mit dem Kopfputz eines indianischen Fürsten, indem sie statt der Bekleidung ihren Körper mit den verschiedenartigsten Lumpen englischer Baumwollen-Waaren behängt haben. Jeder solche maskirte Neger wird von einem großen Trupp begleitet, dessen Geschrei und Lärmen mit der Trommel wetteifert; sie ziehen durch alle Straßen und werden von allen Vorübergehenden oder Fahrenden beschenkt. Bei den Spaniern finden an diesem Tage Feten statt: es werden Freunde geladen, welche, sobald sich eine Trommel vernehmen läßt, den Gitterfenstern zueilen, um die vorbeiziehende Gruppe zu sehen. Um sechs Uhr Abends darf sich keiner derselben mehr in den Straßen zeigen, jetzt kehren sie in die Schenken ein, um die empfangenen milden Gaben ihren Gurgeln mildthätig zukommen zu lassen. Vor jeder solcher Schenke befindet sich eine militärische Patrouille mit scharf geladenen Gewehren.

Der Spanier ist in der That ein ganz vortrefflicher, liebenswürdiger Mensch; er besitzt alle geselligen Tugenden, um in dieser Rücksicht als Vorbild für die menschliche Gesellschaft zu dienen. Dies gilt hauptsächlich von dem Gebildeten: er ist artig, zuvorkommend, gastfreundschaftlich und im höchsten Grade genügsam. Man beleidige und reize ihn nicht und man wird in ihm einen Freund und Rathgeber finden. Seine Feinheit im Umgang steht weit über der des Franzosen und dabei ist er inniger und flößt mehr Vertrauen ein; was der Franzose oft aus Politik und Politesse thut, das kommt bei dem Spanier aus dem wirklichen Antriebe seines guten Herzens. — Unter diesen und ähnlichen Reflexionen trat ich die Rückkehr nach meiner Arche an. Ohne Zweifel, dachte ich, als ich durch diese tapfer essenden munteren Leute durchpassirte, werden diese ihre Speisen besser verdauen, als ich meine hiesigen Geschäfte, und im schlimmsten Falle ist für diese Glücklichen eine Hungerkur anwendbarer als für verdorbene Finanzen.