Mit dem Carneval und den Redouten ist’s jetzt vorüber, sagte ich zu meiner Wirthin am folgenden Morgen, als ich die Redoute verdaut hatte. Keineswegs, entgegnete sie, ist dies die letzte Redoute gewesen; in einigen Wochen haben wir zwei ungewöhnliche Festtage und demzufolge noch zwei Redouten zu erwarten. Diese Festtage waren, wie sie mir erklärte, folgende: Bis jetzt befand sich der Appellations-Gerichtshof für alle auf der Insel Cuba vorkommenden Prozeßsachen in Principi, was für Havana, wo es die meisten Prozesse giebt, eben so lästig als kostspielig war und dies um so mehr, da die dortigen Advokaten die Sachen, so lange wie sie nur immer wollten, in die Länge ziehen konnten. In Madrid war jetzt beschlossen worden, daß dieser Appellations-Gerichtshof von jenem Orte hierher verpflanzt werden solle. Zu diesem Endzweck wurde aus jener Residenz ein für dieses neue Gericht bestimmtes, dort angefertigtes neues Reichs-Petschaft hieher geschickt? Dieses sollte nun mit großer Ceremonie nach der Kirche zur Einweihung geschafft, alsdann aber in großer Prozession durch alle Straßen der Stadt getragen werden. Dazu sagte meine Wirthin, sollen Illuminationen, Redouten und vielerlei Vergnügungen zwei Tage ununterbrochen statt finden, und es wird während dieser Zeit keine Arbeit verrichtet, indem diese Anordnung zum Glück der Einwohner Havana’s, von welchen Viele durch jenen Gerichtshof an den Bettelstab gebracht worden sind, gereicht. —
Das Thema der Unterhaltung wurde jetzt das neue, noch nie statt gehabte Fest. Endlich erschien der ersehnte Tag. Um fünf Uhr eines Nachmittags wurde das von Madrid angelangte Reichs-Petschaft in einem mit Edelsteinen verzierten Kasten durch vier hohe Staatsbeamte in Volanten und eine starke militairische Bedeckung nach der Cathedral-Kirche gebracht, und hierauf durch den Donner der Kanonen vom Fort die Ankunft desselben den Einwohnern Havanas kund gethan. — Auch ich besah das lang erwartete und vielbesprochene Kleinod. Der Kasten, in welchem sich das Petschaft befand, stand auf dem Altare und neben demselben lag eine Medaille mit dem Bildniß der kleinen Königin, welches Jedem, der dem Altare sich näherte, durch einen in langer schwarzer Robe als Wache dabeistehenden Staatsbeamten gezeigt wurde. Andere desgleichen saßen und standen in der Nähe, so wie auch Militair zur Bedeckung, und dies ganze Personale mußte die ganze Nacht auf dem Posten bleiben. Die Kirche war höchst brillant erleuchtet, dagegen fand ich die Illumination in der Stadt keinesweges so erheblich, als ich nach dem vielen Gerede davon erwartet hatte. Sie bestand nämlich in nichts anderem, als daß an der Außenseite der Häuser bemittelter Leute eine Glas-Laterne mit einem brennenden Lichte, bei den Vornehmern und Reichern zwei oder vier hingen. Um der Sache einen Anstrich zu geben, hing in der Nähe der Laternen ein Flick von ponceau oder einem gelben seidenen Zeuge, welches gewöhnlich als Zeichen der kirchlichen Procession bei Reichen über den Armlehnen des Balcons baumelte; diesmal aber baumelten dergleichen Flicke, jedoch im verjüngten Maßstabe, neben jeder Laterne.
Die Damen hatten sich an jenem Abend sehr geschmackvoll gekleidet, und saßen wohl eine Stunde früher als gewöhnlich in ihren Schaukelstühlen. In der Regel sind die sechs Fuß hohen Gitterfenster bis 6 Uhr Abends mit einer etwa zwei Ellen langen wollenen Decke bedeckt; diesen Abend wurden sie zur Freude aller Vorübergehenden schon um fünf Uhr weggenommen, damit die schönste der Damen des Hauses sich in Lebensgröße präsentiren und, wo möglich, den Einen und den Andern zur Unterhaltung hineinziehen könne. Dieses ist die Art, wie die Havaneser in der Regel ihre Abendgesellschaften bilden, denn die Herren machen gleich den Damen, um fünf Uhr Toilette, kleiden sich von Kopf bis zu den Füßen ganz um, als ginge es zum Ball und suchen von den Fenstern her ihre Abend-Parthieen auf. Bei diesen ist das Rauchen die Hauptsache; man conversirt über die gleichgültigsten Gegenstände; mit dem Glockenschlag der neunten Stunde zieht man ab, ohne etwas Anderes, als Cigarren genossen zu haben.
Der Priesterinnen der Venus giebt es in Havana eine Unzahl; es ist ihnen unbenommen, in jeder beliebigen Straße zu wohnen, weshalb sie sich denn auch meistens in den Hauptstrassen, und zwar vis à vis oder neben den ersten Männern der Stadt paarweise oder auch en trois einmiethen. Sie sind aufs brillanteste eingerichtet und beobachten dieselben Gebräuche bei den Abendparthieen, wie alle übrigen Damen. Auch sie präsentiren sich, da sie niemals ausgehen, bei eintretender Nacht mit einem brennenden Cigarr im Munde vor ihren hohen Gitterfenstern, wobei jedoch die Ausnahme statt findet, daß sie hier niemals verdeckt sind; auch sie sitzen auf ihren Schaukelstühlen, um schaukellustige Herren anzulocken. Der Spanier genirt sich nicht und die Deutschen ahmen ihm hierin nach; man conversirt erst eine Weile an den Gitter-Fenstern — und dies fällt Niemandem auf. Sehr oft habe ich mich darüber gewundert, noch während der Tageszeit die anständigsten Herren vor den Fenstern solcher Dirnen oder wohl in den Zimmern in Conversation begriffen zu bemerken.
Gegen die zehnte Stunde fing man an, die Laternen einzuziehen und Alles kehrte nach Hause zurück, weil am Morgen früh um sechs Uhr die Procession beginnen sollte. — Am folgenden Morgen schon sehr früh waren alle Straßen dermaßen mit Menschen und Volanten überfüllt, daß ich beinahe nicht durchkommen und zu dem Hause eines Bekannten gelangen konnte. Als ich dort mit vieler Mühe angelangt war, fand ich den sehr geräumigen Balcon, auf welchem mir ein Platz zugesichert war, bereits überfüllt, jedoch erhielt ich noch ein Plätzchen. Erst um etwa neun Uhr wurde durch einige Lanciers in der gedrängten Menschenmasse auf die bescheidenste Weise Platz für die heranziehende Procession gebeten. Den Zug eröffnete der Gouverneur mit einer starken Suite aller Staatsbeamten Cuba’s, sowohl der Militairs als der Civilisten; diesen schlossen sich die Consuln aller Mächte in ihren verschiedenen Uniformen an; dann kam ein höchst brillanter Triumph-Wagen in alt-römischem Stile, bespannt mit sechs arabischen Schimmeln, deren Führer in Ponceau-Sammt und Gold-Stickereien gekleidet waren und ihre Hüte mit Federbüschen geziert hatten und eben so Wagen und Geschirre. Auf diesem Wagen stand der Kasten mit dem Petschafte und daneben lagen die Symbole der Gerechtigkeit, die Waage und das Schwerdt von nobelm Metall. Jetzt folgte die Geistlichkeit sämmtlicher Kirchen auf Cuba in ihren prächtigsten Kirchenkleidern. Sie gewährten einen höchst imponirenden Anblick, der noch dadurch vermehrt wurde, daß die Baldachine, unter welchen sich die aus massivem Silber verfertigten, mit Edelsteinen verzierten Bilder der Mutter Gottes und des Heilandes befanden, von höchst brillant gekleideten Männern getragen und von einer Anzahl reich gekleideter Sänger aus den vielen Kirchen begleitet wurde. Die vielen Infanterie-Regimenter in Havana, ein ausgezeichnetes Militair, bildeten Spaliere in den schmalen Straßen, durch welche der Zug ging, und die Musik-Chöre derselben waren stets in voller Beschäftigung; nur die Cavallerie schloß sich der Procession an. Diese währte beinahe bis zum Mittage, weil keine der Hauptstraßen unberücksichtigt blieb.
Am Abend war es in den Straßen lebhafter als am Abend zuvor, da der Gouverneur an der Außenseite seines Pallastes, der auf einem freien Platze steht, von allen Seiten mit vielfarbigen Glas-Lampen hatte illuminiren lassen, welche letztere an den vielen kleinen Balcons der Fenster angebracht waren; auch war das Bild der jungen Königin in einem roth sammtnen Rahmen, zwischen einem der Fenster angebracht. Alles drängte sich nach dieser Gegend hin, um das Bild der jungen, unschuldigen Königin zu sehen. Das Gedränge war um so größer, da auch für den Gehörsinn durch die treffliche Militair-Musik gesorgt war.
Indeß wurde die Aufmerksamkeit sehr bald von diesem Bilde auf einen andern Gegenstand hingeleitet. An der entgegengesetzten Seite des Pallastes nämlich hatte sich ein Aufzug hingestellt, wie es mir vorkam, eine Satire auf den von diesem Morgen. Auf demselben Wagen befand sich jetzt eine maskirte Dame, die Gerechtigkeit vorstellend und Gedichte ausstreuend. Die Gerechtigkeit wurde diesmal nicht von vier Pferden, vielmehr nur durch zwei kraftlos scheinende Klepper transportirt. Das Gefolge dieses Zuges bestand in etwa hundert Personen, welche ihre ordinair schwarze Roben über die Schultern geworfen und dreieckige, mit Nummern versehene Hüte trugen; die Herolde waren beritten u. trugen spanische National-Kleidung. Die Gerechtigkeit sprach, und versprach, wie mir gesagt wurde, sehr viel; es war, sagte man, die Schülerin eines gewandten dortigen Advokaten. Als der Spaß beendet war, zog dieser Zug nach dem Redouten-Saal; auf der Promenade fanden sich unterdeß viele andere Masken ein. Der Abend war ausgezeichnet schön, dessenungeachtet war um zehn Uhr, als die Musik-Chöre abgingen, Alles vorüber und in einer Viertel-Stunde die ungeheure Menschenmasse verschwunden; jedoch fand ich auf dem Rückwege die Maskenverleiher-Buden in voller Thätigkeit; sie machten, was selten vorkommen mag, eine gute Aerndte — unter Beistand eines Gerichtshofes.
Die Zeit meiner Abreise von hier nähert sich jetzt; indeß will ich doch, ehe ich von Havana mich trenne, noch Einiges bemerken über die Art und Weise, wie das Osterfest hier begangen wird, was für den Charakter eines Volkes etwas Bemerkenswerthes hat.
Am grünen Donnerstage wird durch das Geläute sämmtlicher Glocken die Gefangenschaft des Heilandes angekündigt. Sobald dieses geschehen ist, darf sich kein Pferd oder Maulthier mehr in den Straßen blicken lassen. In Betreff der Esel scheint indeß nichts bestimmt zu sein, da ich während des Festes sehr viele sah, aber keine Pferde, Maulthiere, Volanten, Karren. Man konnte jetzt ruhig und ohne Furcht in den Straßen umherwandern; Ruhe und Stille herrschten in der ganzen Stadt; man athmete Luft und keinen Kalkstaub ein.
Mit Eintritt der Dunkelheit an diesem Donnerstage öffnen sich die Thüren sämmtlicher Kirchen (etwa 17), fast möchte ich behaupten in derselben Minute. Noch nie habe ich eine so brillante Beleuchtung wahrgenommen, als die der Havaneser Kirchen an diesem Abend.