Die Wachslichter brannten in solcher unendlichen Anzahl, daß wohl, wie ich glaube, über 1000 in jeder Kirche verbrannt worden sind; man konnte hier von einer neuen Seite den Fleiß der Bienen bewundern, deren Zucht auf Cuba so sehr im Flore ist. Indeß sah ich mich bald genöthigt, meine Aufmerksamkeit von der schönen Beleuchtung nach einer andern Seite hinzulenken; eine mächtige Anzahl schöner, sehr schöner spanischer Sünderinnen lagen auf den Knieen und baten um Abnehmung der alten Sünden wegen Mangel an Raum zu neuen; hinter ihnen rutschten ihre gallonirten Neger sehr andächtig auf den Knieen. Nachdem jene wohl eine gute Stunde in dieser peinlichen Lage zugebracht hatten, erhoben sie sich insgesammt und gingen nach dem Place des Armes; hier und in den benachbarten Straßen waren eine Menge von Bänken aufgestellt, damit sich die Sünderinnen von ihren Strapazen erholen könnten und bald waren auch alle besetzt. Zur Aussöhnung mit dem Allmächtigen wegen des Vergehens gegen die Neger, welche nach der Meinung jedes Spaniers frei sein müßten, es aber wegen Willkühr derselben nicht sind und auch so bald noch nicht sein werden, wenn es von der Willkühr der Einzelnen abhängt — also zur Ausgleichung dieser Schuld halten die Spanier es für Pflicht, ihre Sclaven während des Osterfestes in den allerfeinsten Kleidungsstücken, mit Diamanten und Perlen geschmückt, auftreten zu lassen, so wie auch mit Confituren und den allerbesten Speisen zu füttern. Besonders sah man viele Negerinnen besser gekleidet und schöner geschmückt, als ihre Gebieterinnen selbst. Bis um 10 Uhr blieb man zusammen und ergötzte sich bei trefflicher Musik.
Am Charfreitage strömte Jung und Alt in schwarzen Anzügen nach den Kirchen, die alle gefüllt waren. Ziegenfüße sowohl als andere Fleischspeisen blieben an diesem Tage unangetastet; nichts als Fastenspeisen! Am Nachmittage war eine sehr große Prozession; die Mutter Gottes und der Heiland wurden mit Trauermusik und einer starken militärischen Escorte durch alle Straßen getragen, jedoch war diesen Abend in keiner von allen Kirchen, die ich besuchte, Gottesdienst. Die Billards waren mit weißen Decken versehen, auf welcher Maschine und Queues ein Kreuz bildeten; sie waren beleuchtet, es durfte aber nicht gespielt werden. Auf dem Place des Armes ging es wie am vorigen Abend zu.
Am Sonnabend sollten die Kirchenglocken und das Abfeuern der Kanonen um 10 Uhr die Auferstehung Christi ankündigen, aber diesmal geschah es zur Bequemlichkeit der Christenheit ½ Stunde früher. Bald wurden auch die zur Hälfte von den Wunden geheilte Maulthiere aus den Ställen gezogen und ihrem alten Joche überliefert; das Getöse der Karren und Volanten begann und die Neger waren wieder um nicht viel besser als in puris naturalibus zu sehen, nur die mit Fleisch hausirenden erschienen in sehr hübsch gestickten schottischen Roben.
Die Thätigkeit beim Steueramte war wieder eingetreten und die segelfertigen Schiffe wurden noch bis zum Mittag expedirt und die deutschen Commissionaire wetteiferten schon wieder mit den Engländern in richtiger Abtragung der Zollgefälle.
Schon lange war es meine Absicht, hierselbst etwas Näheres über die Behandlung der Tabacksblätter zu erfahren, um, wo möglich, manchen meiner Landsleute, die sich mit diesem Artikel beschäftigen, nützlich zu sein. Der Zufall war mir hierbei günstiger, als ich vermuthete; ich lernte einen Tabacksbauer kennen, der, da er mich offen und freimüthig fand, auch seinerseits mir mehrere schätzbare Mittheilungen machte, von welchen ich hier nur diejenige anführen will, welche sich am meisten auf ein abweichendes Verfahren bei der Bereitung bezieht.
„In Betreff des auf allen Tabacksblättern befindlichen Syrups, welcher den eigentlich aromatischen Geruch erzeugt, aber durch viele und anhaltende Regengüsse oft von den Blättern abgeschwemmt wird, bedienen wir uns, wenn dieser Fall eintritt, zur Wiederherstellung desselben folgenden Mittels. Wir nehmen, eine Quantität Tabacks-Stengel von einem vorzüglichen Jahrgange, legen diese in ein wasserdichtes Gefäß und füllen dasselbe alsdann mit Regenwasser, welches so lange darin stehen bleibt, bis sich Würmer darin zeigen. Sobald wir diese sehen, nehmen wir die sehr trockenen, dem Pulver an Trockenheit ähnlichen Blätter, legen sie behutsam auf die Diele, tränken einen großen Schwamm in jenem mit Würmern versehenen Regenwasser und besprengen damit die Blätter; diese nassen Blätter legen wir behutsam über einander, verpacken dieselben, gleich einem Ballen, in Palmblättern.“
Die Zeit meiner Abreise war jetzt herangerückt; ich wollte von hier zunächst nach New-Orleans übersetzen; da ich indeß auf die Abfahrt des Paquet Douglas, mit welchem ich fahren wollte, noch etwas warten mußte, so behielt ich noch Zeit zu manchen Erkundigungen, wovon ich Einiges anführen will. Nichts ist häufiger in Havana als die Hökerläden. Einmal habe ich deren 463 gezählt und hatte nur einen geringen Theil der Stadt durchstrichen; ich schätze die Anzahl derselben auf 3000. Die Höker beschäftigen sich aber auch mit Allem, was zum gewöhnlichen und luxuriösen Leben erforderlich ist: es sind Italiener in optima forma; sie haben Marasquino, aber auch Kartoffeln, Champagner und alle anderen Weine, Schweinefett, Rüben, eingemachte Früchte, Talglichter, Nägel, Bürsten, seidene Tücher, bedeutende Vorräthe von Holzkohlen[G] und französische Delicatessen jeder Art. Als ich mich bei einem derselben genauer nach dem Geschäft erkundigte, sagte er: „wir kaufen Alles, was uns vorkommt, weil wir Alles wieder verkaufen können. Jede Wirthschaft läßt, was sie im Hause braucht, den täglichen Bedarf und nichts weiter, von uns holen: wird ein Licht gebraucht am Abend, so wird es kurz vor Abend geholt. Besonders auch wird dies Verfahren bei Kohlen und fließenden Fettwaaren angewendet, weil die Köche und Köchinnen zu lüstern auf Schweinefett und Oel sind und anderseits zu verschwenderisch mit Kohlen umgehen.“
Also doch auch eine Oekonomie! dachte ich.
Als ich meine Abschieds-Visite beim Gouverneur machte und er sich wie immer sehr gütig gegen mich bewies, erlaubte ich mir, seine Meinung über die spanische Schuld zu erbitten. Der Gouverneur versicherte, er sei überzeugt, daß, sobald der Bürgerkrieg in Spanien beendigt sei, Alles bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. — Beim Abschiede versicherte er mir wohlwollend, daß ihm mein Wohlergehen Freude machen werde.
Endlich befand ich mich auf dem Douglas, um meine langersehnte Rückreise nach Europa über New-Orleans etc. anzutreten. — Mit einem wohlfeilen Reisepaß in der Hand, wartete ich jetzt muthig den Beamten ab, der darauf Acht haben soll, daß nur Wohlhabende hineinkommen und von den dortigen Commissionairen Gebrandschatzte abreisen. Allein Niemand kam und als ich wahrnahm, daß unser Capitain einer in einer Galeere in kurzer Entfernung vorbeipassirenden Person ein Paquet Scripturen zeigte, erkundigte ich mich, was diese Formel zu bedeuten habe, worauf er erwiederte, daß die Pässe der Passagiere sich in diesem Paquet befänden; — nicht immer jedoch gehe die Revision so ab, wie diesesmal und schon mehreremal seien Reisende ohne Pässe von ihm aus dem Schiffe in seiner Galeere mitgenommen worden.