Unterdessen waren wir bei dem Fort von Havana vorbeigefahren und ich freute mich, wie ein Kind, dem Marcipan gereicht wird, diese so zuckerreiche, aber in anderer Hinsicht höchst gepfefferte Stadt im Rücken zu haben — eine Stadt, deren Bewohner hauptsächlich aus Commissionairen, Sclavenhändlern, Wucherern, Spielern, Advokaten und Scribenten besteht. Voller Freude richtete ich meine Blicke nach dem Mexikanischen Golf, der sich bald in unermeßlicher Weite vor uns ausbreitete. Bei diesem Umherschweifen in weiter Entfernung von der Heimath gedachte ich einer früheren Reise nach der entgegengesetzten Richtung hin, wie ich in den verhängnißvollen Jahren 1812–16 den Oby in Sibirien durchschiffte. In welcher enormen Entfernung liegt dies von hier! Wie viele Meilen sind dies wohl? Es fehlte mir an Papier und Feder, um dies zu berechnen, mag’s der Leser selbst in einer müßigen Stunde thun.
Es fahren wohl noch beliebtere Pakete zwischen Havana und New-Orleans, als der Douglas; ich wählte dieses, eingedenk der Unbequemlichkeiten, die ich früher auf der Norma erduldet hatte. Hier konnte man weder ächten noch copirten Champagner erwarten, da das Passagiergeld 10 Piaster weniger kostete; allein in Betreff des Schlafens und Ankleidens versprach ich mir, viel besser daran zu sein, und war es auch in der That, denn ich hatte ein kleines Gemach für mich, und mit der Speisung konnte ebenfalls ein nicht Verwöhnter zufrieden sein.
Die Gesellschaft war nicht sehr geeignet zu einer angenehmen Unterhaltung, denn sie bestand, außer einem Amerikanischen Kaufmann mit seiner Frau, aus lauter nach New-Orleans auf Spekulation reisenden Creolen, französischen und englischen Maschinenbauern und einigen nach der letzten Revolution verwiesenen herumirrenden Polen. Das Paquetboot glich meinem Zimmer in Havana, einer Arche, weil fast jeder Passagier ein Männchen und ein Weibchen von den merkwürdigsten Thierarten Westindiens auf Spekulation nach New-Orleans führte; auch an Ratten fehlte es nicht, die jedoch an dem Bull-dog eines englischen Mechanikus einen erbitterten Verfolger fanden. Ueberdies war das Paquet mit allen Arten Westindischer überreifer oder auch unreifer Früchte beladen, welche, da wir nicht die geschwindeste Ueberfahrt machten, ihrem Verderben immer näher kamen.
Alle diese Spekulanten schienen mehr auf den Einkauf als Verkauf in den V. S. bedacht zu sein und mit Spekulanten solcher Art sind jene Staaten reichlich versehen, indem dieselben dort stündlich Gelegenheit haben, ihre mitgebrachten Comptanten gut anzulegen, weil es daselbst sehr viele Gegenstände giebt, welche rasch geräumt und eben so rasch aus dem Lande fortgeschafft werden müssen und bei Verkäufen nach Westindien die Ermittelung in den V. S. unmöglich bleibt. Spekulanten dieser Art sieht man in Havana häufig, man weiß, daß sie reich sind, aber wodurch sie ihr Vermögen erworben haben, weiß man meistens nicht. Bedenkt man indeß, daß öftere Reisen an einen und denselben Ort zu Bekanntschaften führen, daß es auf der ganzen Welt nicht sehr schwer hält, mit Zollbeamten in freundschaftliche Verhältnisse zu kommen; wirft man ferner einen Blick auf die europäischen Auswanderer nach den V. S., erinnert man sich ihrer frühern Geldgier, die in den V. S., wo es zur Befriedigung der Leidenschaften so viel Gelegenheit giebt, eher sich vermehrt als vermindert: so ist jenes Räthsel auf der Stelle gelöst. Daß aber solche Spekulanten als Ungeziefer und Gift für das solide Geschäft zu betrachten sind, ist keinem Zweifel unterworfen, indem sie auf der einen Seite mit wenigem Gelde Märkte räumen, auf der andern Seite die Verdauungswerkzeuge gesunder Märkte zerstören und für die soliden Kaufleute Verluste herbeiführen.
Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß ich viele Erfahrungen in der merkantilischen Welt durchgemacht und dieselben sorgfältig beachtet habe. Das Resultat derselben ist kein anderes als dieses: der größere Theil der in derselben groß titulirten Kaufleute hat sich nur auf Unkosten anderer Kaufleute auf diese Höhe geschwungen. Komisch klingt es für mich, wenn ich so häufig behaupten höre, in Amerika könne man als Kaufmann sehr bald reich werden; die Leute, die dies sagen, wissen nicht, was sie sprechen. Nur der direkte oder indirekte Fußkünstler, d. h. die Ballettänzer und die Schuster können hier viel Geld verdienen, die letztern noch mehr als die erstern, denn die Yankees wissen das Schuhwerk noch besser, als das Fuß- und Bein-Werk zu beurtheilen, weshalb sie auch, mit Ausnahme der Banquiers, sehr gut gestiefelt sind. — Der rechtlich- und ehrlichdenkende Kaufmann kommt nie so rasch zu Vermögen, als der entgegengesetzt denkende. Es verhält sich hiermit, wie mit dem Hazard-Spiele: man bemerkt an den Banken nur entweder sehr Reiche oder arme Teufel, die gern „viel gewinnen“ wollen. Auf diesen Gegenstand werde ich später zurückkommen und sage nur noch dieses: wer als Aventurier nach der neuen Welt gegangen ist und, wie man oft hört, als ein sehr reicher Mann nach Europa zurückkehrt, der hat sich bei seinem Erwerb nicht sehr mit dem Gewissen berathen. Gäbe es in der neuen Welt weniger Advokaten und bessere wohlfeilere Justiz, so würde mancher von diesen zurückgekehrten Reichen noch in der Reihe der Bettler stehen.
Nach einer Fahrt von sieben Tagen erreichten wir gegen 12 Uhr Mitternachts die Barr, d. h. den Hafen von New-Orleans; es war daher kein Dampfschiff bereit, um uns im Schlepptau nach New-Orleans hinauf zu führen. Der Capitain ließ eine Lampe am Vordertheil des Schiffs aufstecken, um dadurch den Dampfschiffen seine Ankunft anzuzeigen und nach Verlauf einer guten Stunde kam auch eins heran. Wir wurden ins Schlepptau genommen und etwa fünf Meilen weiter gebracht, wo wir ankern mußten, weil das Dampfschiff noch Arbeit an drei andern angekommenen Schiffen hatte. — Als es uns am andern Morgen um neun Uhr mit jenen zusammen weiter schleppte, war es auf halbem Wege so unglücklich, beide Schäfte zu zerbrechen, wodurch es außer Thätigkeit gesetzt wurde. Was nun machen? Die sämmtlichen Passagiere wollten, wegen ihrer Früchte, so rasch als möglich, in New-Orleans ankommen und so erboten sie sich denn selbst, den schweren Dienst des Dampfschiffes zu übernehmen. Eine lange und starke Leine wurde jetzt dieser nicht unbedeutenden Passagiers-Masse gegeben; sie begannen mit gutem Muth und Singen diese harte Arbeit. Die Hitze war drückend, allein die Angst vor dem gänzlichen Faulen der Früchte besiegte die Hitze und machte sie nicht fühlbar. Sie arbeiteten wacker darauf los und nach einer sechsstündigen ununterbrochenen Arbeit erreichten wir ein Dampfschiff derselben Compagnie, welcher dasjenige gehörte, was uns früher gezogen hatte, und dies brachte uns noch an demselben Abend glücklich nach New-Orleans.
Dritte Abtheilung.
Ueber
die Vereinigten Staaten.
New-Orleans und die Reise bis New-York.
Ehe ich die Stadt betrat, amüsirte ich mich noch erst an dem Treiben der Käufer und Verkäufer auf unserm Schiffe, denn viele Einwohner aus New-Orleans waren an Bord gekommen, aber unsere Spekulanten waren so überrascht, daß Anfangs keiner von ihnen verkaufen wollte: weder Früchte noch Vögel oder Hunde waren feil. Nur der englische Mechanikus machte hiervon eine Ausnahme: es hatte sich ein Hunde-Liebhaber aus New-Orleans eingefunden, um einen Bologneser zu kaufen, diesen suchte er zum Kaufen seines Rattenfängers zu überreden und hierzu schien ihm jetzt der Augenblick günstig zu sein, da keiner von den Creolen einen Preis fordern wollte. Er bot das schwerste Geschütz seiner Beredsamkeit dazu auf, den Käufer von der Vortrefflichkeit seines großen Bull-dogs zu überzeugen, und siehe da! es gelang ihm in der That und der Käufer, der ein kleines Schoßhündchen für seine Gemahlin hatte erstehen wollen, überbrachte derselben jetzt einen 12jährigen großen Bull-dog.