In der Stadt quartierte ich mich sofort in einem an der Wasserseite gelegenen Hotel, — es gehörte nicht zu denen der ersten Klasse, welche mehr in die Stadt hinein liegen; ich aber zog dieses vor, weil auf dem Schilde: „öffentliche Bäder“ bemerkt war. Die Rechnung, die mir bei meiner Abreise überreicht wurde, war eben so schwer als der Schmutz, den ich in den Zimmern dieses Hotels antraf.
Eins meiner ersten Geschäfte hierselbst war, zwei Briefe nach Havana zu schreiben, einen an Moyer, den andern an Dakin, in welchen ich die mir abgenommenen Summen reklamirte, und am Schluß erklärte: „Ich habe den Königlich preußischen Consul beordert, die mir von Ihnen zukommende Summe von 1014 Piaster in Empfang zu nehmen. Sollten Sie sich weigern, meinem gerechten Verlangen Genüge zu leisten, so werden Ihnen die Folgen von meinen Demarchen mehr Furcht einflößen, als des Herrn Dakins Drohung mit dem Federmesser und das Herbeirufen der Neger von Ihrer Seite in mir erregt haben u. s. w.“ Auf diesen und noch zwei andere Briefe erhielt ich natürlich keine Antwort.
Auf dem grünen Markt, den ich sogleich am andern Morgen besuchte, fand ich trotz der noch so frühen Jahreszeit (im Mai) Kartoffeln, Artischocken etc. in solchem Ueberfluß und von solcher Größe, wie man sie in Europa oft noch nicht im Monat August antrifft. Sodann begab ich mich nach dem Packhofe, um einen Erlaubnißschein zum Empfang meiner Sachen vom Schiffe zu erlangen. Ich mußte, nachdem ich die rechte Bude im Zollhause erreicht hatte, zuerst die Anzahl der Stücke meines Gepäcks angeben — was auf einen halben Bogen niedergeschrieben wurde; sodann wurde ich zum Collecter geschickt und mußte endlich für die Erlaubniß, als Reisender mein Gepäck nach Hause nehmen zu dürfen, in Summa Summarum 75 Cents (1 Thlr. Courant) bezahlen, wovon der Advokat als Anfertiger der Supplik ⅔; und der Collecter ⅓ erhält. Die Revision durch die auf dem Schiffe stationirten Zollbeamten war nicht nach französischer oder englischer, sondern nach preußischer Weise, d. h. liberal.
Eine schwere Aufgabe war es jetzt, die Sachen vom Schiffe nach dem etwa 60 Schritte entfernten Hotel zu bekommen; ich verweilte wohl eine volle Stunde am Bollwerke, aber von den vorübergehenden Arbeitsleuten hatte keiner zu einer solchen Bagatelle Zeit. Auf dem Bollwerke sah ich Knaben und Mädchen aus der ärmern Klasse beschäftigt, um die beim Ausladen umhergestreuten einzelnen Caffeekörner und Zuckerstückchen aufzulesen, wovon, wie mir ein ebenfalls zusehender Herr bemerkte, morgen ein tüchtiger, gesüßter Caffee mit Wohlgefallen werde verzehrt werden. Sehr viele Familien hierselbst existiren hierdurch und durch das Einsammeln der Baumwolle, welche im Zupfen der Proben niederfällt und liegen bleibt. Glücklicherweise gelang es mir, während dieser Unterredung, einen vorübergehenden Mulatten für den Transport meiner Sachen für etwa 12 Gr. Courant zu dingen.
Unterdessen war die Börsenzeit herangekommen. Ich passirte sehr viele reinliche Straßen, welche den Namen der Hauptstraßen von Paris führen — da New-Orleans ja eine französische Colonie war. Alles sprach hier französisch, auch die Leute aus der niedern Klasse, wie denn z. B. Jemand, den ich um den Weg fragte, mir sagte, daß er das Englische nicht verstehe. Auf meinem Wege nach der sogenannten französischen Börse, welche indeß von der ganzen Kaufmannschaft errichtet worden ist, zog am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich ein freier, mit Bäumen besetzter Platz, auf welchem sich das Rathhaus und die katholische Kirche befinden, zwei Gebäude, die, obgleich unbedeutend, von Außen keinen unangenehmen Anblick gewähren. Außerdem berührte ich auf meiner Tour nach der Börse den Baumwoll-Markt und die sehr bemerkenswerthen Canäle, ferner die Bank-Gebäude, welche eben so leer an Metall sind, als die Taschen vieler Amerikaner überfüllt mit ihren unbezahlt gebliebenen Noten. Die Börse ist ein wahres Pracht-Gebäude, mit einer Kuppel gleich der St. Pauls-Kirche in London. Im Eingang, der von großem Umfang ist, befindet sich ein Buffet, in welchem durch einen französischen Restaurateur alle Erfrischungen von der allerbesten Qualität für einen mäßigen Preis verkauft werden. Tritt man aus diesem Entrée in den zirkelförmigen Saal hinein, so wird man durch die schöne Bauart und die höchst geschmackvolle Einrichtung überrascht. Man bemerkt eine Tribüne für jeden Wechselplatz der alten und neuen Welt, in jeder derselben befindet sich ein Wechsel-Mäkler, um die für diesen Tag durch sie bestimmten Course zu proklamiren, und die ganze Börsenversammlung harrt auf diese Aussprüche, um sie ehrfurchtsvoll entgegenzunehmen. Der ganze obere Theil des Börsen-Gebäudes ist zum Empfang der Reisenden höchst brillant eingerichtet.
Als ich die Börse verlassen hatte, schlenderte ich ohne weitem Plan am Ufer hinunter, um die Schiffe zu mustern und bemerkte, daß sehr Viele mit dem Hinausholen beschäftigt waren. Auf meine Frage, ob alle diese Schiffe in See gingen, wurde erwiedert, daß sie alle diese Schiffe außerhalb der Stadt hinauslegen, woselbst sie beinahe vier volle Monate verbleiben würden. „Die Comptoire“, fuhr der Berichterstatter fort, „so wie überhaupt alle kaufmännischen Geschäfte, werden von dem 16ten Juni ab geschlossen und Jeder, der Geld aufbringen kann, reiset während der Fieber- und Cholera-Zeit nach den nördlichen Staaten und Badeörtern.“ — Auch ich hielt es, nachdem ich alle meine Angelegenheiten und alle Rücksichten erwogen hatte, für gerathener, aufs baldigste von hier abzureisen; sogleich nach Tische erkundigte ich mich nach einem Dampfschiff.
Ich fand, als ich an das Ufer trat, sogleich eins; „Albany nach Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei. Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht. — „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt hätten.
Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen. Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ — „Sie sind sicher und gewiß aus keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“
Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer — abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der Ritterburgen — in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen. Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden. Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr. Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Woche durch Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London, das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten Abfahrt nach den V. S.