Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich 60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht ganz erwehren können.
Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich; es sind dies wasserdichte Gürtel, von demselben Stoffe, der zu den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen großer Nachlässigkeit getadelt.
Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern, wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf 640–650, und die Anzahl der Reisen auf 15–16 hin und eben so viel zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe 6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig. Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt und Wagen wenigstens 4½–5 Millionen Klafter Holz in den V. S. verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S. unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig, indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben genommen werden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.
Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½–3 Piaster gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist. Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8–10. An Arbeitern kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches, St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.
Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw (Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes zeigen.
Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist, aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.
Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft, nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte, welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen, Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht selten 3–4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht, wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theil derselben wenigstens nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.
Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte. Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als Lehrbursche eintrat, vermehrt!
| Im Jahre 1791 erzeugten die V. S. an | Pfund. | |
| Baumwolle | ,188,316 | |
| Im Jahre | 1798 um 7 Jahre später schon | 19,000,000 |
| — | 1802 um 4 Jahre später | 27,500,075 |
| — | 1819 nach 17 Jahren | 87,997,045 |
| — | 1820 nur um 1 Jahr später | 127,860,152 |
| — | 1830 10 Jahre hierauf | 298,459,102 |
| — | 1838 nach 8 Jahren | 639,001,000 |