Von dieser letztern Quantität wurden in demselben Jahre in den Fabriken der V. S. circa 98,000,000 Pfund verarbeitet und das Uebrige nach Europa verführt. Es ist unbedingt zu erwarten, daß die Produktion in dem nächsten halben Jahrhundert noch einem weit größern Maßstabe zunehmen wird; wenigstens giebt die Menge von deutschen Auswanderern, welche alle zur Cultivirung der Ländereien in den V. S. gebraucht werden, Raum zu dieser Vermuthung; rechnet man nun noch die in Egypten, Ostindien und Texas produzirte Baumwolle hinzu, was soll dann am Ende mit dieser ungeheuren Quantität von Baumwolle angefangen, wozu soll sie verwendet werden? und wird der daraus erzeugte Stoff wohl so viel Ertrag geben, daß die Produzenten auch nur zur Hälfte für ihre Mühe und Arbeit belohnt werden? Gewiß nicht! Laboriren doch beide Theile schon jetzt an der Schwindsucht! Zwar ist England mit seinen vielen Spinnereien im Stande, für die ganze Welt den Garn-Bedarf anzufertigen und verdient deshalb wohl das große Welt-Spinnhaus genannt zu werden, aber wird und kann das Volk und Land dabei blühen? Da ich später auf diesen Gegenstand zurückkomme, so bemerke ich vorläufig nur: England muß zu Grunde gehen, wenn es nicht von dem Vorsatz, alle auf der ganzen Welt erzeugte Baumwolle aufzuspinnen, zurücktritt.

Für den etwa reiselustigen Leser wird es nicht unangenehm sein, etwas über die Einrichtung auf den Dampfschiffen zu erfahren. Die Diana gehört, da sie den Brief-Beutel führt, zu denen der ersten Klasse. Untersucht man sein Bett, so erschrickt man und legt man sich hinein, so wird man von Ekel ergriffen; man empfindet einen Schweißgeruch, welcher andeutet, daß seit vielleicht 12 Monaten keine Wäscherin etwas mit den Bett-Ueberzügen zu schaffen hatte. Passagiere werden, so viele sich nur melden mögen, aufgenommen. Bei der Ankunft in Louisville ist die Anzahl derselben um das dreifache gewachsen, weil in jedem Ort, den das Schiff passirt, mehrere hinzukommen. Hat der Capitain seine Summe vom Passagier erhalten, so beauftragt er seinen Mulatten, dafür zu sorgen, daß der Reisende um 10 Uhr Abends ein Lager zum Ausstrecken bekommt. Da aber in der Regel die Anzahl der Passagiere die der Betten um das dreifache übersteigt, so errichtet der Mulatte eine Art von Hängematte, die vier Etagen hoch und einem Gerüste ähnlicher als einer Schlafstelle ist, so daß es für den oben auf Nr. 4. liegenden fast lebensgefährlich ist, hinaufzuklettern. — Gehen wir zum Essen. Der Tisch für 50 Personen (für mehrere ist nicht Raum) ist gedeckt. Das Brod ist schon am frühen Morgen in Portionen geschnitten worden und wird daher, bei der übermäßigen Hitze den Zwiebacken ähnlich. Die Mulatten und Neger, die keineswegs ihre Lehrjahre als Kellner in Frankfurt a. M. durchgemacht haben, sind emsig mit dem Tranchiren der Braten beschäftigt. Sobald sie dies Geschäft im Schweiß des verdächtig couleurten Angesichts beendet haben, setzen sie die Stühle hinter jedes der Couverte und der Capitain wird jetzt benachrichtigt, daß ihre Meisterwerke beendigt seien. Dieser verfügt sich jetzt zu den Damen, um sie zum Mittagsessen einzuladen. Während der ganzen Procedur vom Beginn des Tranchirens an stehen diejenigen Herren, welche so glücklich waren, einen Stuhl zu erhaschen und durch Festhalten zu behaupten verstanden, unbeweglich hinter demselben und kauen zum Zeitvertreib dabei ihren Kentucky-Taback. Diejenigen, welche bei der Besitznahme der Stühle nicht rasch genug waren, befinden sich schon wieder draußen auf dem Deck. — Jetzt tritt der Bellman (Glockenläuter) mit einer sehr großen Metall-Handglocke in die Saal-Thüre und giebt das Signal zum Sitzen. Die Spucknäpfe, deren einige Dutzend hinter den Stühlen der Herren in gerader Linie aufgestellt sind, sind so gefällig ihre Reste von dem edlen Tabackskraute entgegen zu nehmen. Kaum sitzen die Herren fünf Minuten, so sieht man sie schon aufstehen und im Fortgehen ihren letzten Bissen verzehren, um ihren Kentucky-Freund aufs Neue im Munde zu empfangen. Mulatten und Neger eilen jetzt herbei, säubern den Tisch so rasch und gut wie möglich, indem von Außen die ungesättigten 100 sich mit Eifer nach dem Saale hin drängen. Es wird wieder viel und geschwind von den Ueberbleibseln geschmaust und zwar wegen Mangel an Tellern mehrere Gerichte von einem und demselben; worauf die zweite Abtheilung der dritten Platz macht. Diese muß sich dann mit den kalten Ueberresten begnügen. Die beiden letzten Abtheilungen sind nicht nur die weniger Verzehrenden, sie werden auch überhaupt etwas vernachläßigt und sind dem Verzehrtwerden ausgesetzt, denn die beiden Mulatten, die zum Verscheuchen des Ungeziefers angestellt sind, legen ihre von Federn angefertigten Scheuchen nieder und setzen also die Essenden diesen Bestien aus.

Bis um sieben Uhr Abends promenirt Jeder auf dem Verdeck des Schiffes, ergötzt sich an den schönen Ufer-Gegenden oder steigt, wenn Brenn-Material eingenommen wird, ans Land um sich in den herrlichen Wäldern unter den merkwürdigen Pflanzen und Thieren umzusehen. Wir hatten einen trefflichen Schützen bei uns, der die Tour stets mit der Pistole in der Hand mitmachte und besonders manche Schlange (jedoch kleine und unschuldige) schoß. Um sieben Uhr wird das Signal zum Thee d. h. Abendessen gegeben, wobei es eben so tumultuarisch wie am Mittage zugeht. Eine Stunde nach dem Souper, etwa um neun Uhr finden sich die resp. Bett-Architecten, die Mulatten, zum Aufbauen der vier Etagen hohen Bettgerüste ein. Während diese mit großem Fleiße bauen, schwärmen ihre Collegen umher, um für die unerwarteten vielen Passagiere einzelne Bettstücke als Kopfkissen u. s. w. aus den Betten der von New-Orleans Mitgekommenen zu kapern; so fand ich auch einmal einen bei meinem Bette in voller Arbeit. Da die Betten jedoch nicht für die Hälfte der Reisenden zureichen, so ist es kein Wunder, daß man dieselben sehr eifrig und pfiffig spekuliren sieht, um eins zu erhaschen. Es geht hierbei nicht minder bunt zu, wie beim Mittagsessen. Die Kleider werden abgeworfen und liegen in einem so beklagenswerthen Zustande auf dem Boden, wie ihre Eigenthümer auf den Lagern. Jetzt ist der Saal mit Schlaf-Pavillons und mit Schlafkünstlern gefüllt, allein da stehen noch 20–25 bettlose stattliche Yankees, mit kläglicher Stimme den Capitain um Beistand anflehend. Dieser kann nichts anderes thun als ihnen freundschaftlich rathen, die herrliche Nacht auf dem Deck zuzubringen und den folgenden Tag sich auszuschlafen. — Hierbei ist zu bemerken, daß hier überhaupt nicht das in Europa übliche Recht gilt, nach welchem man von der Abfahrt an bis zum Bestimmungs-Orte der Reise, als Eigenthümer eines Platzes angesehen und behandelt wird. Hier nimmt Jeder den ihm besser scheinenden Platz ein, wie lange auch sein Vorgänger schon den Platz behauptet haben mag. Deshalb hat das Reisen in den Kutschen schon in dieser Hinsicht viel Unangenehmes, allein es ist auch wegen der bösen Wege, wegen des hierdurch entstehenden langsamen Fahrens, wegen der schlechten und theuern Gasthöfe an den Fahr-Straßen — nicht zu empfehlen.

Den Rath des Capitains, die Tageszeit zum Ausschlafen zu wählen, befolgen diejenigen am liebsten, welche, wie die meisten Amerikaner, Hang zum Hazard-Spiele haben; für diese Leute ist dann der Bettmangel eine Goldangel, allein Mancher opfert außer der nächtlichen Ruhe auch sein Geld. Mit dem Glockenschlage: fünf! wird die Zeit zum Aufstehen signalisirt, damit der Saal zum Frühstücken, welches von 6–8 Uhr dauert, geräumt werden könne. Jetzt nun beim Ankleiden erhebt sich die größte Confusion: Alle und ein Jeder sucht einen Theil seiner Garderobe, die schon durch Nachlässigkeit beim Auskleiden ein wenig sich vermischte, jetzt aber durch den Diensteifer der Mulatten, welche um den Saal rasch zu räumen, alle Kleidungsstücke auf einander werfen, in der größten Unordnung durcheinander liegt. Ist diese Verlegenheit beseitigt, so eilt man dem Wasch-Loch auf dem Verdeck zu. Hier findet man einen Raum, in welchem für drei Personen Platz ist: auf einem an der Wand befestigten, sehr schmalen Brette befinden sich drei Waschbecken von weißem Blech in Fesseln, worin man das schmutzige Wasser der Vorgänger findet; auf dem Tische liegt zum allgemeinen Gebrauch ein butterweiches Stück Seife. Auf einer an der andern Wand angebrachten Rolle hängt ein etwa fünf Ellen langes Handtuch von der Art wie man sie in unsern Fuhrmanns-Herbergen findet, an welchem sich schon am frühen Morgen die sämmtlichen Mulatten und zarten Neger Gesicht und Hände getrocknet hatten und welches für 150 Personen bestimmt war. Am Eingange des Waschlochs endlich befindet sich ein Eimer, mit dem lehmigten Mississippi-Wasser gefüllt, zur beliebigen Selbstbedienung. Da ich glücklicher Weise Handtücher und Seife mitführte, so sagte eines Morgens ein Yankee zu mir: „Die Amerikaner sind durchgängig gesunde Menschen; Ihre Vorsicht ist daher überflüssig.“ — Solche Reisen, wie die gegenwärtige auf dem Mississippi und die frühern auf dem Obi sind also im Ganzen betrachtet, interessant, aber sie sind auch, was die Lebensweise betrifft, mit so viel Unannehmlichkeiten verknüpft, daß man an Einemmale genug hat.

Schon am sechsten Tage hatten wir uns zum Aerger der mit unserer Göttin Diana rivalisirenden Dampfschiffe: Sultan und Monarch, welche ihrer Kühnheit wegen auf der Liste der Todeskandidaten zu stehen verdienen, so weit durchgearbeitet, daß der Capitain uns die Ankunft auf den folgenden Abend mit Gewißheit verkündigte. Der Mississippi soll, wie unser Capitain meinte, und wie man auch im Allgemeinen glaubt, die Kraft haben, die Zahl der darauf Umkommenden reichlich zu ersetzen, durch die Eigenschaft nämlich, welche der Emser Brunnen besitzt, wodurch die Neger-Bevölkerung mit jedem Jahre zunimmt. Es sei etwas sehr gewöhnliches, setzte er hinzu, daß die Negerinnen Zwillinge und Drillinge gebähren, ja man höre oft von 4–5 Exemplaren.

Während der letzten Nacht war die Fahrt von der Art, daß alle Passagiere in Unruhe geriethen, weil sie glaubten, daß in Verhältniß zu dem sehr schmalen Raum im Kessel, welcher ohnedies durch den vielen Sand aus dem Mississippi-Wasser noch um Vieles kleiner geworden war, viele Dämpfe angewendet würden. Es war freilich ein ungewöhnliches Getöse, ein Klappern der Gläser, Tische etc. vernehmbar, aber um stromaufwärts in einem so reißenden Fluß, wie dem Mississippi zu fahren, ist viele, sehr viele Dampfkraft erforderlich.

Am folgenden Abend um neun Uhr langten wir am Kanale von Louisville an, woselbst der Capitain zur Ersparniß von 50 Piastern, die das Hinauffahren kostet, zu bleiben beschloß. Unsere göttliche Diana wurde neben den Ruinen eines Dampfschiffes befestigt, worüber ich nach näherer Erkundigung erfuhr, daß es Bugann geheißen und vor ungefähr 10 Tagen durch Zersprengen des Kessels gegen 40 seiner Passagiere den Kirchhöfen überwiesen habe. Mit mehrern Reisegefährten beschloß ich, das Wrak näher zu besichtigen und wir bestiegen dasselbe mit brennenden Lichtern in den Händen; hierbei fand ich, daß derjenige Theil des Schiffes, worin sich mein Bett befand, im Bugann ganz und gar zerstört und aufgelöst war. Wir plauderten noch lange über unsere ausgestandene Gefahr, von welcher wir uns jetzt um so lebhafter überzeugt hatten und legten uns nachher ruhiger als die vorige Nacht zu Bette.

Am folgenden Morgen hatten sich viele spekulirende Fiaker von Louisville eingefunden. Es wurden jetzt Parthieen zu vier Personen arrangirt, die von jenen Fiakern nach der Stadt gebracht wurden. Unser Führer, war ein wahrhafter Riese, ein junger Mann von 22 Jahren und wie er sagte, 7¾ Fuß Höhe. Als er uns nach Louisville gebracht hatte, forderte er auch einen riesenmäßigen Lohn, nämlich einen Piaster von einem Jeden, der den gewöhnlichen um mehr als das Doppelte überstieg. Da er indeß versicherte, daß er gewöhnlich mehr als andere Fuhrleute bekomme, weil die Meisten Gefallen an seiner Figur fänden, so sträubten auch wir uns nicht dagegen.

In Louisville bemerkte ich bald, daß es nicht der Mühe werth sein würde, hier längere Zeit zu verweilen. Alle am Mississippi und Ohio gelegenen Städte haben denselben Anstrich von Unvollendung; sie liegen alle auf Bergen und erscheinen daher vom Ufer aus sehr hoch. An der Wasserseite wohnen die meisten Geschäftsleute, welche Läden haben, um sogleich bei der Hand zu sein, wenn geldbedürftige Handelsleute mit geldwerthen Gegenständen von New-Orleans oder New-York ankommen. Diese Ladenherren sind meistens alle Deutsche oder französische Ausreißer, die, wenn die Umstände darnach sind, auch von dort wieder ausreißen und anderswo wieder unter anderer Firma auftreten.

Meine Wißbegierde in Betreff von Louisville’s Neuigkeiten war bald gesättigt, weshalb ich meine Reise ohne Zögern fortzusetzen beschloß und den steilen Berg hinunter, dem Ufer zu schlenderte. Da traten mehrere Deutsche an mich heran, mit denen ich nichts zu schaffen haben wollte und um solchen Leuten zu entgehe, beschleunigte ich um so mehr meine Abreise. Da lagen drei Dampfschiffe, welche um ein Uhr nach Cincinnati absegeln wollten: das Postschiff Pick (Hecht) mit den Briefen, ein überaus geschwindes Schiff. Auf diesem Raubfische wollte ich meine Reise fortsetzen, allein ich gab bald dies Vorhaben auf, als ich kaum so viel Platz fand, um bis zum Bureau gelangen zu können. Fort also zu dem zweiten Dampfschiffe, zum Robert Fulton, dachte ich, dem du doch wegen Erfindung der Dampfschifffahrt Dankbarkeit schuldig bist, allein wider Erwarten und zu meinem großen Erstaunen fand ich hier so viele Dankbare, — er war noch mehr überladen als der Pick, so daß ich auch von hier mich zurückzuziehen veranlaßt sah.