In einer sehr kurzen Entfernung vom Fulton lag die loyal Anna. Kaum hatte ich sie erblickt, als ich auch mit guter Hoffnung mich ihr näherte, da Hagestolze, zu denen ich doch nun einmal gezählt werden muß, gern mit loyalen Frauen Umgang haben. Noch nie habe ich eine solche Propretät auf einem Schiffe wahrgenommen, wie auf diesem, man bemerkte hier außer der Reinlichkeit noch ein gewisses Etwas, was nur von den Frauen herrühren kann. Erst später erfuhr ich, daß dieses Schiff ein Spielzeug, eine Puppe des sehr reichen Capitains sei, welcher auf dessen Verschönerung mehr als auf die seines Wohnhauses verwendet. — Sieben Männer hatten sich bei der loyal Anna gemeldet und keine einzige Dame — eine geringe Anzahl Bewerber für eine so schöne Miß, indeß trat ich sofort zu diesen über. Wir fuhren zwar um Vieles langsamer, als der Pick und Fulton, aber dafür auch bequemer und sicherer. Unsere Reise sollte nach Cincinnati und von da nach Pittsburg gehen.

In Cincinnati sagte mir der Capitain, daß Frau Anna sich erklärt hätte, sie könne, als eine Frau von so vortrefflichem Baue, nicht mit sieben Männern zufrieden sein; alle Frauen würden von Launen regiert, in welche man sich fügen müsse; sie werde wohl ein bis zwei Tage hier verweilen, um noch einige Männer mehr zu acquiriren, und siehe da! als die Glocke zur Abfahrt ertönte, da schwärmten um diese Liebenswürdige so viele neue Verehrer, daß es den alten, wie vielen Männern nach der Verheirathung ging — es waren keine Plätze mehr, weder zum Stehen noch zum Niedersetzen, zu finden.

Der Aufenthalt in Cincinnati kam mir nicht so sehr unangenehm; dieser Ort wird in den V. S. City (große Stadt) genannt, allein sie ist nichts weniger als das; jedoch verdient sie ihrer Anlage nach, nach dem, was sie einmal werden kann, allerdings diesen Namen. Cincinnati ist, wie die anderen Städte an diesem Flusse, in einer Höhe von etwa 200 Fuß vom Ufer gebaut. Alle Buden befinden sich an der Wasserseite und sind nicht zum dritten Theil für die Schacherwelt hinreichend. Die Miethen sind daher so enorm, daß sie im Allgemeinen wohl das doppelte von denen in New-York und Philadelphia betragen. Die Baulust ist aus diesem Grunde sehr groß und nimmt mit jedem Tage zu. Jedoch fehlt es an Grund für solche Gebäude, in welchen die einträglichsten Geschäfte betrieben werden könnten, nämlich am Ufer.

Cincinnati’s Bevölkerung beläuft sich auf etwa 40,000 Einw., unter denen Deutsche, wenn nicht die Hälfte, doch wenigstens den dritten Theil ausmachen; von diesen sind wohl 8000 Juden, welche vor einiger Zeit eine in schönem Stil erbaute Synagoge einweihten. Ich lernte mehrere Deutsche dort kennen, auch wurde ich von Mehreren angeredet, die vorgaben, mich zu kennen und mich auch wirklich bei meinem Namen anredeten. Alle versicherten, zufrieden zu sein, verriethen jedoch in der Conversation Unzufriedenheit; sie redeten stets von Millionen und konnten von Menschenkennern ihrer Kleidung und ihrem Aeußern nach, für nichts anders als Tagelöhner gehalten werden. Der Ort an und für sich bietet nichts Merkwürdiges dar; die Umgegend ist nicht besonders reizend. Er eignet sich zum Speditions-Geschäft und treibt dieses auch in der That, aber auf eine sehr unvollkommene Weise, und zwar aus dem Grunde, weil es an Arbeitsleuten fehlt, die bei einem Geschäft solcher Art nicht zu entbehren sind. Die Güter, welche zur Spedition dort ankommen, werden deshalb oft — zu Wasser, wie ich während meines Aufenthalts selbst Augenzeuge eines solchen Vorfalls war. Es langte nämlich ein Dampfschiff an, welches 15 große Fässer Zucker für jenen Ort geladen hatte, die der Capitain am Ufer abladen und hinwerfen ließ, um sofort weiter zu fahren. Während der darauf folgenden Nacht schwoll aber der Fluß dermaßen an, daß der Herr Spediteur, als er am andern Morgen mit seinen Arbeitern hinzukam, statt des Zuckers Zuckerwasser in den Fässern fand. Ganz amerikanisch-kaltblütig fragte er die Umherstehenden: what can I do? Uebrigens spricht jeder Amerikaner mit Respekt von diesem Orte, so daß es mir lieb war, ihn kennen gelernt zu haben.

Desto lästiger dagegen wurde mir der Aufenthalt auf der Anna, da es, wie schon bemerkt, nicht nur an Raum fehlte, sondern unter den neuen Passagieren hatte sich auch eine große Anzahl von Spielern eingefunden, die den Raum durch einen großen Tisch, an welchem sie Stoßen, das alte und beliebte deutsche Hazard-Spiel, spielten, unter Beistand einer Menge von Zuschauern dermaßen beengten, daß mir nichts zu thun übrig blieb, als mich nach den untern Regionen des Schiffs zu den Deck-Passagieren zu begeben.

Daselbst bemerkte ich mehrere deutsche Familien; da saßen Einige mit Bibeln vor sich, Andere in Kattun-Jacken, schmauchend nach alt-deutscher Weise, aus kurzen deutschen Pfeifen von dem edeln Kentucky-Taback, den die Amerikaner lieber auf nassem Wege auflösen. Die Frauen derselben strickten zum Ärger der Chemnitzer Strumpfwirker und zur Freude der Amerikanischen Produzenten Strümpfe aus der auf Amerikanischem Boden gewachsenen Baumwolle. Da ich Bekanntschaft mit diesen Leuten anknüpfen wollte, so näherte ich mich zuerst den Bibellesern, in der Meinung, daß diese die weniger Glücklichen in der Gesellschaft sein müßten, indem die Meisten im Unglück sich entweder zur Religion oder zum Aberglauben wenden. Ich hatte mich darin auch nicht geirrt, dann sie versicherten mir, in jeder Rücksicht sehr unglücklich und, obgleich sie schon ein Viertel-Jahrhundert in Amerika zugebracht hätten, noch immer sehr arm zu sein.

Hierauf näherte ich mich den Taback rauchenden Männern und Strümpfe strickenden Frauen. Von diesen erfuhr ich, wie die amerikanisch-deutsche Auswanderungs-Commissionaire in New-York sie schändlich betrogen und irre geleitet hätten. Sind doch Commissionaire ein tödtendes Gift in allen Branchen, dachte ich, da mir schon in Louisville ein pallastähnliches Haus gezeigt worden war, welches ein Deutscher auf Unkosten der armen Einwanderer erbaut hat, indem, wie sich der Amerikaner ausdrückte, der es mir zeigte, zum Fundament desselben die Seufzer der Unglücklichen, zum Löschen des Kalks die Thränen derselben verwendet wurden. Diese Unglücklichen müssen sich wegen Mangel an Sprachkenntnissen gleichsam als Sclaven an den Commissionair verkaufen und das sehr wohlfeil gekaufte Land für ihn kultiviren. Einen aus der Gesellschaft, der mir am klügsten schien, ersuchte ich, mich mit der Art und Weise, wie jene Commissionaire in New-York mit ihnen verfahren hätten, bekannt zu machen. Vermuthlich nicht so arg, wie die Havaneser uns armen Kaufleuten, dachte ich hierbei. „Die verdammten Diebe,“ hob der Erzähler an, „haben uns vom ersten Augenblick unserer Ankunft an konfuse gemacht; sie haben uns zu Reisen verleitet, wodurch das Wenige, was uns nach Zahlung der 125 Francs Reisekosten noch übrig blieb, aufging; jetzt müssen wir alle zurück, weil hier, wo uns die Diebe hingeschickt haben, Nichts zu machen ist.“ Als ich hierauf bemerkte, sie hätten besser gethan, Deutschland nicht zu verlassen, weil man, um hier etwas anfangen zu können, wenigstens 1000 Piaster baares Geld mitbringen müßte, lachten sowohl die Strickenden als die Rauchenden, und Einer meinte: „wenn wir 1000 Piaster gehabt hätten, so wären wir sicher noch zu Hause und tränken Wein für sechs Kr., während wir hier Essig mit ½ Piaster bezahlen müssen.“ — Dies vorläufig als Warnung für den Auswanderer; ich werde später genauer hierauf zurückkommen, da ich bei meinem zweiten Aufenthalt in New-York diese Suche genauer kennen zu lernen Gelegenheit hatte, und setze vorläufig meine Reise nach Pittsburg fort, um baldigst in New-York einzutreffen, wonach ich mich um so mehr sehne, da die loyal Miß Anna um Vieles zu liberal geworden war.

Wir langten nach einer viertägigen Fahrt in Pittsburg, dem Birmingham der V. S. an. Jeder Amerikaner spricht in tiefster Ehrfurcht von dieser Stadt, von welcher es in den statistischen Berichten heißt, es würden für 30 Millionen Piaster Waaren hier fabrizirt; einige Tage hier zu verweilen, um die bedeutenden Fabriken in Augenschein zu nehmen und ihre Erzeugnisse zu prüfen, war mein Vorsatz.

Schon am Ufer gewahrte ich, daß Eisengießereien hier ein bedeutender Erwerbszweig sein müssen, indem eine bedeutende Masse von Gußwaaren zum Einladen bereit lag. Zunächst begab ich mich nach dem Innern der Stadt, um das Exchange-Hotel (Börsenhaus), wohin sich viele meiner Reisegefährten begeben hatten, aufzusuchen, was mir auch, da Pittsburg sehr regelmäßig gebaut ist, ohne Mühe gelang. Wie ein hungriger Jagdhund über seine Speise, so fiel ich über die seit vier Tagen entbehrten Tagesblätter her und fand mit Schrecken und mit Freuden zugleich die Verunglückung des Dampfschiffes Albany, mit dem ich anfangs reisen wollte. — Um die Fabriken aufzusuchen, begab ich mich auf eine Anhöhe und richtete die Augen nach dem Himmel zu; ich bedurfte nicht, wie die Astronomen, wenn sie Kometen suchen, eines Teleskops; ich merkte auf die dichten Rauchwolken, die aus den hohen Schornsteinen hervorströmen und konnte sicher sein, eine Fabrik zu finden.