In Harrisburg hören die Canalfahrten auf und die nach Philadelphia führende Eisenbahn beginnt. Da wir das Reisegeld für die Fahrt von Pittburg bis Philadelphia entrichtet hatten, so war es des Capitains Sache, für unsere Weiterschaffung zu sorgen, was denn auch bald geschah. Für die aus Pittburg angekommenen Reisenden wurden sowohl für Personen als Gepäck eigene Wagen angewiesen; aus Harrisburg fuhren mehrere Hunderte. Die Wagen waren alle für funfzig Personen und so arrangirt, daß sie mittelst großer Zugänge gleich einem Wohnhause in Verbindung stehen; man kann während der Fahrt die sämmtlichen Wagen durchstreichen und die an beiden Seiten paarweise Sitzenden mustern. Am Eingange des ersten, dicht an der Locomotive befindlichen Wagens, in welchem zwei Abtheilungen angebracht sind, las man am Eingange zur zweiten Abtheilung „Damenzimmer“. In diesem befand sich ein großer Spiegel, nächst dem Manne, das erste Bedürfniß für Damen, Sopha, Arbeitstisch. Von Harrisburg bis Philadelphia, (welche Entfernung 96 englische Meilen beträgt,) fährt man mit Einschluß der Zeit, welche zum Frühstück und Mittagsessen zugestanden ist, sieben Stunden. Für das letztere, welches verhältnißmäßig eben so rasch verzehrt werden muß, als die Locomotive sich fortbewegt, wird ein eben so reissender Preis, d. h. ½ Piaster oder 18 gGr. bezahlt. Beim Bezahlen bemerkt man Viele, die bemüht waren, einige von den abgesetzten Bank-Noten, womit ihre Brieftaschen sich in ungesegneten Umständen befanden und auf Entbindung nicht hoffen dürfen, — anzubringen, allein der Cassirer hat das Textbuch vor sich liegen, bleibt im Text und besteht auf werthvoller Bezahlung des werthlosen Mittagessens.

Auf der Tour von Harrisburg bis Philadelphia hat der deutsche Reisende Gelegenheit sich über den Fleiss und die Ordnungsliebe seiner Landsleute zu freuen, da diese die Bewohner jenes Strichs ausmachen. Man glaubt hier in Deutschland zu sein, überall erblickt man Feld- und Baumfrüchte; auf jedem Hause in den Dörfern glaubt man die Worte: „Wohlhabenheit und Zufriedenheit“ zu lesen. Gutgekleidete Kinder beiderlei Geschlechts drängen sich mit Blumen und reifen Baumfrüchten an den Wagen, um für die bereits gehaltene Aerndte etwas für sie Brauchbareres zu ärndten. Genug, man empfindet auf dieser Reise keine Langeweile, wenn man nicht etwa unwohl ist, wie ich es ein wenig war; ich hatte bei der Passage über die Berge ein Erkältungsfieber erhascht und kam ziemlich krank in Philadelphia an.

Da saß ich in einem langen Omnibus, die alten kraftlos scheinenden Rosse thaten Wunder, denn sie trabten von einem Gasthofe zum andern und nirgends fand ich ein Plätzchen für mich. Obgleich vom heftigsten Kopfweh gepeinigt, freute ich mich dennoch; war es doch ein Zeichen, daß ich den Kopf nicht in Havana verloren hatte. „Fahre nach welchem Gasthof du willst, nur nach keinem schmutzigen“, sagte ich zum Omnibus-Kutscher und bald standen die Rosse vor Baltimore-house, welches mir der Kutscher als ein gutes und sehr reines Haus anpries, in dessen Nähe auch das Dampfschiff nach New-York abfahre.

Ich wurde in diesem Hause mit etwas versehen, was mir seit einer Reihe von Jahren entfremdet war und das war — ein Federbette welches gut war, weil es den Dienst eines russischen Dampfbades versah und mich dermaßen auf die Beine brachte, daß ich am folgenden Morgen in Philadelphia umherzustreichen mich mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet fühlte. Ich fand, daß Philadelphia ungefähr in demselben Verhältniß zu New-York steht, wie Potsdam zu Berlin. Der Ort ist schön, weil die Häuser durchgängig gut gebaut und die Straßen regelmäßig sind; wenn man die vielen Canäle in denselben abrechnet, über die man aber auch in New-York Beschwerde führen kann, aber nicht darf, weil die Amerikaner leidenschaftlich am Canalbau hangen. — Ich bestieg das Rathhaus bis zu seinen höchsten Regionen, d. h. bis zur Glocke, und war höchst überrascht, als ich die herrliche grosse Stadt mit den vielen Kirchen und squares (Quarrées) nebst der herrlichen Umgegend zu meinen Füßen liegen sah. Ich besuchte die Münze, das Taubstummen-Institut, das Collegium und fuhr etwa drei Meilen weit nach dem Wasserwerk, gelegen in einem Schweizerthal mit Bergen umgeben, auf welchen sich die herrlichsten Anlagen befinden. Für diese Fahrt hin und zurück bezahlte ich nur ¼ Piaster — der wohlfeilste in den V. S. mir erwiesene Dienst; muß man doch für das einmalige Putzen der Stiefeln dasselbe bezahlen. Auch nach Vauxhall begab ich mich, in welchem 1000 Chinesische Lampen brennen und eben so viele Orangenbäume gezeigt werden sollten. Da aber nur einige Lampen brannten, so blieben natürlich die blühenden Orangen unsichtbar. Ich kehrte nach der Kasse zurück, um meinen halben Piaster Entree zu reklamiren, allein der Kassirer versicherte mir, er sei an diesem Platze zum Geld-Einnehmen, nicht Ausgeben; ich könne aber am folgenden Abend Gebrauch von der Charte machen. — Weise ist nach Lessing derjenige, welcher sich auf seinen Vortheil versteht; ich erklärte daher diesen Mann für weise und zog ab.

Meine Rechnung in Baltimore-house belief sich auf eine artige Summe, obgleich ich keine einzige Mahlzeit in demselben eingenommen hatte. Der Wirth bewies mir, daß er bei den hohen Preisen aller Lebensmittel zu Grunde gehen müßte, wenn es nicht so manchen gäbe, der nie ißt, aber dennoch üblicher Weise bezahlt. Es wird in ganz Amerika 2½–5 Piaster in jedem Gasthofe den Logirenden angeschrieben, wenn er auch gar nichts genossen hat.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem ersten Dampf-Schiff nach New-York. Auf diesem befanden sich etwa 300–350 Passagiere, ungeachtet zu derselben Stunde die Dampfwagen dahin abfahren. Man giebt den Dampfschiffen darum den Vorzug, weil von den Schornsteinen der Locomotiven zu viel brennende Kohlen umher geworfen werden, und dadurch viele Kleidungsstücke der Mitreisenden zu Grunde gehen. Man muß jedoch auch auf der Fahrt mit dem Dampfschiff ungefähr 20 Meilen auf dem Dampfwagen zurücklegen, um alsdann die Reise im Schiff zu beendigen.

Um etwa 1 Uhr kamen wir in New-York an. Das Erste, was ich that, war, mir ein Privat-Logis aufzusuchen, denn die Boarding-Häuser hasse ich wegen des darin statt findenden Zwangs. In einem freien Lande darf man auf Freiheit Anspruch machen, Thorheit ist es also, wenn man dem Gastwirth seine Freiheit verkauft und noch dazu, wie hier in New-York viel dafür bezahlt.

Als ich so an Broadway hinschlenderte, fühlte ich mich in der heitersten Stimmung. Als ich über den Grund derselben nachdachte, fand ich ihn darin, daß ich hier nicht, wie in Havana, das menschliche Elend d. h., mit Lumpen umhangene Neger auf jedem Schritte vor mir sah, sondern nur freie wohlgekleidete Menschen. Noch immer konnte ich die Erinnerung an die Behandlungsweise der Sclaven von Seiten der Herren nicht aus meiner Seele verdrängen; ich sah, wie die Herren Negerfrauen im Beisein ihres Mannes züchtigten, oder wie der Mann während der Procedur hereintrat, um das Mittagsmahl mit seiner Familie zu verzehren, den züchtigenden Herrn ehrerbietig grüßte und gleichgültig that, als ob ihn das nichts angehe. Wie diese Unglücklichen von Afrika aus transportirt werden, will ich nur kurz erwähnen. In den Räumen der Sclavenschiffe sind innerlich Abscheidungen von Brettern, mit nicht mehr Zwischenraum, als daß zwei Personen aufrecht darin stehen können, errichtet. Die Neger werden paarweise mit ihrem Rücken gegeneinander zusammengebunden und zwischen diesen Räumen an die Wände derselben angeschlossen. Aus dieser peinlichen Stellung werden sie während der Reise täglich nur einmal, jedoch nicht mehr als 8–10 Personen auf einmal, und nur auf 5–6 Minuten erlöst.

Ich fand ein Haus, an dessen Thüre ich auf einem Zettel: furnished rooms (meublirte Zimmer) las. Die Wirthin, so wie Alles im Hause deutete auf Reinlichkeit, nichts Archenähnliches war an dem mir offerirten Zimmer zu bemerken. Meine vis a vis waren friedliebende, gar nicht neugierige Menschen, die mich auf keine Weise geniren konnten, ja um alle weltliche Dinge sich nicht mehr kümmerten, weil sie alle auf dem mit Blumen und Bäumen geschmückten Kirchhofe wohnten. Sofort miethete ich dieses Zimmer und befand mich sehr wohl in demselben. Dann suchte ich wieder mein französisches Boarding-Haus zum Speisen, da ich mir in Philadelphia wegen der Unpäßlichkeit die Hungerkur auferlegt hatte. Auf die Frage der freundlichen Wirthin, wie mir ihre Küche munde, erwiederte ich: nach einer mit Oel gesalbten Küche, deren ich in Havana so viele Monate hindurch unterworfen war, fühlt sich mein Gaumen höchst geschmeichelt. Ein Schweizer meinte, daß es in der That in Havana höchst schlecht sein müsse, wenn es ein Berliner schlecht finde, denn nach seiner Ueberzeugung lebe man in Berlin sehr schlecht; er versicherte, er habe in den Gasthöfen erster Klasse daselbst für zwei Thaler das Couvert auf seinem Zimmer servirt, abominable gegessen. Ich vertheidigte meine Mitbürger aufs eifrigste, war aber nicht im Stande, ihn zu einer bessern Ueberzeugung zu bringen.

Uebrigens war ich gerade zur rechten Zeit hier angekommen, um dem Feste der Gründung der Unabhängigkeit der V. S., welches am vierten July gefeiert werden sollte, mit beizuwohnen. Die Nacht vor dem Geburtstage der Republik wurde mit einer solchen allgemeinen Theilnahme durch das Abbrennen von Feuerwerken, Schießgewehren in allen Straßen kund gethan, daß mir kein anderer Wunsch übrig blieb als der, daß die Lustigen auch an andere Leute denken möchten, die wegen dieses Getöses beinahe die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Es ging ununterbrochen fort bis um acht Uhr des Morgens, zu welcher Zeit die verschiedenen Armee-Abtheilungen, alle neu uniformirt, mit Feldmusik und Trommeln sich dem Demokraten-Könige, der an diesem Tage eintreffen sollte, in aller Pracht zeigen wollten. Es wimmelte in Broadway von Militair, welches nach dem Paradeplatz an der Batterie marschirte. Da jedes Revier eine eigene Compagnie bildet, und sich jede derselben nach ihrer eigenen Bestimmung kleidet, weshalb nun alle mit einander wetteifern, in prachtvoller Ausstattung, so kann der Leser leicht denken, daß diese ganz glänzend sein mußte; — besonders zeichnete sich der Generalstab und die Spielleute, deren jede Compagnie ihre eigene hat, in dieser Hinsicht aus. Hierbei konnte man bemerken, daß zur Verherrlichung jedes Festes Militair Bedürfniß ist. Die Anzahl der Generäle und Adjutanten in ihren prachtvollen Uniformen, welche größtentheils Schimmel, die Lieblingsfarbe der Amerikaner an Pferden, ritten, war sehr beträchtlich und kam mir weit größer vor, als die in den großen Armeen großer Mächte.