Um etwa 12 Uhr verkündete der Kanonendonner die Landung des mit 40,000 Piaster besoldeten Regenten; er wird die Truppen mustern, hieß es, und dann seinen Einzug halten. Von meinem Zimmer aus beobachtete ich ganz ruhig die Sache; ich zählte über 2000 Militairs, die in einer Linie vor dem Präsidenten her zogen. Jetzt erschien derselbe mit entblößtem Haupte, welches er bei dem jedesmaligen Hurrahruf rechts und links neigte. An den Präsidenten schlossen sich sämmtliche Magistrats-Personen in schwarzer Kleidung an, mit sehr langen Pergamentrollen in der Rechten; hierauf folgten 100 berittene Bürger und der Generalstab. Weder Constabler noch sonstige Polizei-Beamte waren zur Aufrechthaltung der Ordnung bemerkbar; und dennoch sah man unter einer Masse von 200,000 Menschen, die sich in dieser Straße bewegten, eine exemplarische Ordnung. Als Militairs zeichneten sich in dem Zuge die Deutsche und Irländische Compagnie, so wie auch ein Veteran aus, der den Befreiungskrieg mitgemacht hatte.

Da in keinem Lande dergleichen große Feste, ohne daß das Leben einiger Individuen geopfert wird, ablaufen, so stand es nicht zu erwarten, daß dies Fest in diesem Lande, woselbst die Menschen den gefährlichsten Elementen, Feuer und Wasser mit einer gewissen Frechheit die Stirn bieten, eine Ausnahme von der Regel machen würde. Die Decke eines Dampfschiffes (die Dampfschiffe dieser Art zum Vergnügen haben außer dem gewöhnlichen Verdeck noch ein höheres auf Säulen ruhendes, Decke genannt) hatte wohl 1000 Menschen mehr aufgenommen, als die Stärke derselben erlaubte; sie stürzte ein und 10 Personen kamen ums Leben. Durch Zerspringen von einem der Kessel der Locomotiven, so wie auch durch die Anwendung der Schießgewehre von Knaben, verunglückten mehrere Menschenleben. Nur die Kinder sämmtlicher hiesigen Schulen, zwischen 15–20,000, welche, um dem Präsidenten ihr Compliment zu machen, nach einer kleinen Stadt gebracht worden waren, kamen wohlbehalten nach New-York zurück.

An diesem Abend gab sich Jeder dem Vergnügen hin; es ward viel Champagner in der That, und in der Idee getrunken und mit Bank-Noten baar bezahlt. (?) Auf den Hauptplätzen (als: Park, Batterie-Platz) u. s. w. waren, wie auf unsern Messen, Buden errichtet, in denen viel Leben war; jene Plätze waren mit Feuerwerken und Schießlustigen überfüllt, die sich gegenseitig neckten; es ging so weit, daß die in den vis a vis gelegenen Gasthöfen Globe und Sans-Souci Logirenden sich aus den Fenstern durch Zuwerfen von Feuerkugeln, Fontainen und Schwärmern dermaßen belustigten, daß in einem Zimmer die Fenstervorhänge schon brannten und beinah ein größeres Feuerwerk entstanden wäre. Im Castle-Garden (Schloßgarten) wurde, wie man mir sagte, ein glänzendes Feuerwerk bei etwa 10,000 Zuschauern abgebrannt.

Nach der Beendigung dieses großen Festes besuchte ich den Advokaten Dr. Lord, um Erkundigung einzuziehen, wie weit er in der Prozeß-Angelegenheit gegen die M. und H. gediehen sei, und siehe da! der gute Mann bedauerte, mir sagen zu müssen, daß er sich noch nicht einmal beim Anfang befinde, indem meine Gegner stets Gelegenheit gefunden hätten, die Sache in die Länge zu ziehen; sie hätten die Gründe, weshalb sie die Sache ausgesetzt zu sehen wünschten, beschworen; ihr Anwalt habe überdies, mit Genehmigung des Gerichtshofes, eine Reise nach Europa unternommen, welches dazu beitrage, diese Affaire in die Länge zu ziehen. Er empfahl mir Geduld, die ihm freilich nicht so leicht abgeht, da ich 300 Piaster Vorschuß geleistet habe.

Jetzt begab ich mich zum Commissionair, an welchen ich, wie früher bemerkt, verschiedene Waaren von Havana mit der Ordre geschickt hatte, dieselbe bis zu meinem Dahinkommen liegen zu lassen. Allein die Geduld hatte ihn verlassen, er hatte sie für die Hälfte des Werths verkauft und händigte mir jetzt die Verkaufs-Rechnung ein. Einen zweiten Prozeß mit einem abermaligen Vorschuß von 300 Piaster anzufangen, war schon deshalb nicht räthlich, weil Ein Prozeß, selbst unter dem mildesten Prozeß-Himmelsstrich wenigstens für mich hinreichend ist; ferner war wegen des heraufziehenden Ungewitters in der New-Yorker Geldwelt ein zweiter Prozeß zu vermeiden. Ueberdies war ich nicht gesonnen, das Ganze den Launen der Advokaten und des Zufalls Preis zu geben, denn wie leicht kann durch eine Zahlungs-Unfähigkeit der Banken, die mir unausbleiblich schien, Alles verloren werden, wenn auch die Sache zu meinen Gunsten entschieden würde? Es blieb mir mithin nichts Anderes übrig, als den Belauf für meine Güter zu nehmen und gegen das Verfahren meines Commissionairs zu protestiren. — Ergo ist in der neuen Welt nur viel zu verlieren, und mit großem Risico wenig zu verdienen.

Vierte Abtheilung.

Ueber das
Treiben im englischen und amerikanischen Handel.

Auf diese Weise hatte ich nun in New-York keine andere Geschäfte, als mich mit den New-Yorkern zu amüsiren. Wohin also zuerst? fragte ich mich selbst. Nach Wall-Street, war die Antwort. Diese Straße war ganz mit großen Granit-Blöcken und Marmor-Säulen angefüllt, so daß man dieselbe kaum mit Bequemlichkeit passiren konnte. Auf meine Frage, was mit den vielen Steinen von so ungeheuerm Umfange gemacht werden solle, hörte ich, daß sie zu Bank-Gebäuden bestimmt wären. Es dürfte vielleicht einige Leser geben, die hierbei die Frage aufwerfen, warum die Herren Rothschild in London, Hope in Amsterdam, Heyne in Hamburg, Bethmann in Frankfurt a. M., Schickler in Berlin u. A. in kleinen unansehnlichen Zimmern ihre sehr bedeutenden Geschäfte betreiben, und warum diese nicht wie die New-Yorker, auf Marmor- und Granitsäulen ruhende Banken errichten. Die Frage ist nicht schwer zu beantworten: Die New-Yorker bedürfen zur Ausführung der Bauten nichts, was wie Geld aussieht, während jene Banquiers nicht ohne Geld würden bauen können.

An demselben Tage wurde das Dampfschiff Great-Western von London erwartet. Alle warteten mit der größten Ungeduld auf die Ankunft dieses Schiffes, oder vielmehr auf die Nachrichten, die es mitbringen sollte, denn man hoffte durch Hülfe der Engländer sich bald vom Uebel erlöst zu sehen. Von England also Hülfe! dachte ich. Hülfe von einem Volk, welches sich selbst nicht zu helfen weiß. England ist in seinen Finanzen stets überschätzt (overrated) worden. Wehe! und abermals wehe! einem Jeden, welcher überschätzt wird, mag es eine Regierung oder ein Privatmann sein. Die natürlichsten unmittelbarsten Folgen solcher Ueberschätzungen sind Uebervortheilungen. Der Verfasser gehört zu den Wenigen, welche gegen die Englands Reichthum gesungenen und gesprochenen Loblieder stets protestirt haben, obgleich er demselben in technischer Hinsicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließ; er ist oft scharf darüber getadelt worden, worum er sich aber wenig kümmerte. Schon im Jahre 1830, als die Reformbill John Russell’s im Hause der Gemeinen durchging und Graf Grey Premier-Minister ward, sprach der Verfasser in einem mit dem Buchstaben R. unterzeichneten, im Leeds Intelligencer eingerückten Aufsatz: „the corn-laws, as the present policy of the country“ („die Korngesetze, die gegenwärtige Politik des Landes“) sich dahin aus, daß England den frühern Gedanken, für alle Bewohner des Erdballs zu fabriziren schwinden lassen, und einen großen Theil der Fabrik-Arbeiter zur Erzeugung des ersten und nothwendigsten Bedürfnisses, Getraide, verwenden müsse, wenn es fortbestehen wolle. Der Verfasser rieth in jenem Aufsatze zur Anlegung vieler Eisenbahnen, damit so viele Ländereien, welche zum Anbau des Pferdefutters jetzt dienen, zur Erzeugung von Lebensmitteln für die Bevölkerung angewendet werden könnten. Der Verfasser führt die Hauptpunkte seines damaligen Aufsatzes zum Beweis der Behauptung an, daß er Englands Lage schon vor 10 Jahren richtig beurtheilt hat, wobei er jedoch hier nur das Wichtigste hervorheben kann. Auch behauptete er, daß der von Preußen für die deutschen Fabrikanten angeordnete Schutzzoll nie eine Abänderung zu Gunsten der englischen Fabriken erfahren werde, und sollten diese, durch Anschaffung wohlfeileren Brodes, wohlfeiler als die deutschen Fabrikanten produziren, so werde, seines Erachtens, der Schutzzoll um eben so viel von Seiten Preußens erhöht werden. Wer würde wohl gern 3 L. St. hingeben, um 1 L. St. dafür wieder zu erhalten? Deshalb wird sich Preußen stets gegen die Einfuhr von englischen Fabrikwaaren sträuben, indem England, bei einem Getraide-Mangel sich doch unbedingt nach Deutschland wenden muß.