Englands Getraide-Noth (wie diese im vorigen Jahre sich zeigte), ist lediglich der Vernachlässigung des Ackerbaues zuzuschreiben; es giebt zu viel unkultivirtes Land in den vereinigten drei Königreichen. Hätte die Regierung die Taxen vom kultivirten Lande vermindert und das unkultivirte Land dagegen mit hohen Taxen belegt, so würde das Land, auch bei einer schlechten Aerndte, nie in Verlegenheit kommen. Der Mensch, welcher sein erworbenes Vermögen zu konserviren weiß, gehört zu den Künstlern ersten Ranges. Von allen englischen Fabrikanten gelangte keiner zur Meisterschaft in dieser Kunst; sie sind arm, weil ihr Vermögen in Fabrik-Gebäuden und Maschinen steckt; diese aber haben, da man jetzt dergleichen von der Seine bis zur Wolga in jedem Dörfchen antrifft und in Bewegung sieht, nur ein Drittel des ursprünglichen Werthes.

Der Verfasser ist seit Kurzem von mehreren seiner Bekannten, unter denen sich sogar ein Engländer befand, gefragt worden: „Wodurch wohl ist Englands Reichthum sobald gesunken?“ Die Meisten hielten in der That England stets für übermäßig reich, und dies hat, wenn man die Sache genauer betrachtet, folgende Gründe.

1.) Alle Mächte contrahiren enorme Anleihen bei dem Hause Rothschild in London. Nun glaubte man die Engländer sind es, die diese viele Millionen hergeben, allein sie sind größtentheils aus Rußland, Deutschland und Holland dem Hause R. überwiesen worden.

2.) Man erinnert sich der ungeheuern Summen, welche England in der Napoleonischen Zeit den verbündeten Mächten als Subsidien gezahlt hat und denkt: welches Volk in der Welt würde dies wohl leisten können? Wollten die guten Leute doch nur erwägen, daß diese Subsidien-Gelder nur ein sehr geringer Theil derjenigen Summen waren, welche von Preußen, Oestreich und Rußland für Fabrikwaaren stets nach England gingen. England konnte doch nicht immerfort nehmen wollen, weil ja sonst Nichts übrig geblieben wäre. Jene Länder besaßen zu jener Zeit gar keine Fabriken, erhielten vielmehr ihren ganzen Bedarf von England und welchen Preis bezahlten sie dafür! 14–16 Thlr. für ein einziges Stück von Baumwollen-Waaren, in welchem etwa fünf Pfund von der Prima-Materie verbraucht worden waren. Von dem durch solche Preise entstandenen enormen Gewinn zahlte England etwa 1⁄10 als Subsidien zurück, damit die guten Deutschen wie Wahnsinnige auf die französischen Kanonen losgehen möchten, um ja nicht an Fabrikation zu denken. Da trat nun Napoleon den Engländern mit seinem Continental-System in den Weg; er lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Fabrikation. Man fing an einzusehen, daß dies Geschäft keine Zauberei sei, daß es nur der Geduld und Ausdauer mit Zuziehung guter Augen und tüchtiger Hände bedürfe. Hierdurch wurde das englische Fabrikwesen verwundet; da indeß diese Wunde anfangs den Engländern noch nicht fühlbar sein konnte, so bekümmerte sich Niemand von allen Fabrikanten darum; sie erweiterten ihre Geschäfte, statt dieselben vorsichtig einzuschränken. Jeder war durch den in den letzten Jahren gehabten Profit wonnetrunken und in der Ueberzeugung, bei einer um das Doppelte erweiterten Production den doppelten Gewinn zu erzeugen, wurde der ganze Gewinn der letzten Jahre und noch mehr zur Anschaffung größerer Gebäude und Maschinen verwendet.

Für die Bauherren, welche, wie überall so auch hier, bei ihren Anschlägen gewöhnlich irren, zeigten sich jetzt bald Verlegenheiten: es fehlte an Geld, indem der Bau weit mehr kostete, als veranschlagt war. Um diese Noth abzuhelfen, mußte Geld gemacht werden und wie geschah dieses? Es wurden Banking-Compagnieen, Joint-Stock-Banks u. s. w. auf Aktien errichtet. Jeder der Fabrik-Eigenthümer zeichnet auf eine Anzahl dieser Aktien, jede derselben zu 100 L. St., auf welche er jedoch nur 5 L. St. baar erlegt, obgleich er an dem Gewinne von 100 L. St. Theil hat; für die übrigen 95 L. St. verfertigen jene Surrogat-Banken ihre eigene Bank-Noten, jede Note zu 5 L. St. Um aber jedem Geldempfänger auf sein Verlangen mit Geld oder auch Noten von der Bank of England begegnen können, war eine Hülfe von Seiten dieser Bank wichtig, ja höchst nothwendig. Deshalb wurde also eine Convention zwischen den beiderseitigen Banken abgeschlossen, daß alle von jenen Banken gerirten Wechsel durch die Bank of England für das übliche Disconto von 3½ Procent pro anno discontirt und sowohl Geld, als Noten dafür erlegt werden sollten.

Der momentane Nutzen, der durch diese Maßregel für die englischen Fabrikanten entstand, war sehr groß und vielfältig; der Fabrikant konnte sich bei Erweiterung seiner Fabriken nie in Geldverlegenheit befinden. Er durfte sich auf Zeitverkäufe einlassen weil die Wechsel die ihm bei diesen Verkäufen von den Käufern an Zahlungsstatt wurden, sofort in den Banken, in welchen er als Aktionair interessirt war, discontirt wurden, wodurch Er eigentlich der Gewinnende ward, weil die Bank nur einen geringen Theil solcher Wechsel und zwar nur für 3½ Procent pro Anno bei der Bank von England discontirte, wogegen die Banken 5 Procent mehr und größtentheils mit ihren eigenen Bank-Noten, welche zinsenfrei waren, ausbezahlten. Hierdurch ward für den Fabrikanten als Aktionair eine Dividende von 12½–15 Procent jährlich erreicht.

Dies war Englands glänzendste Periode. Geschäfte wurden ins Unendliche gemacht, da es nie an Geld fehlen konnte. Der Verfasser kennt deutsche Häuser, die sich fünf dieser Banken bedienten. Genug! wer einen ganzen Rock auf dem Leibe trug und die Wechsel zu acceptiren verstand, der hatte bald ein Waarenlager. Es entstanden Commissions-Geschäfte, weil nichts mehr dazu gehörte, als ein Local (warehouse); alle fünf Schritte stieß man auf einen Commissionair. Zu den Commissionairen und Bank-Gesellschaften gesellten sich auch bald Dampfschifffahrts-Gesellschaften, aber wie es im menschlichen Leben oft geschieht, daß Menschen durch häufiges Besuchen großer Gesellschaften ihre physischen und moralischen Kräfte zerstören, so geschah es jetzt mit dem englischen Waarenhandel nach Deutschland durch jene Gesellschaften.

Die Fabrikation nämlich nahm ungeheuer zu und dies führte den Handel herbei, um welchen England so oft beneidet wird, aber eher bedauert zu werden verdient — den Welthandel. England war nun gezwungen, sich um Plätze zu bekümmern, woselbst die übermäßigen Produkte der Fabriken untergebracht werden könnten. Amerika und Indien schienen am geeignetsten hierfür zu sein; allein wie sollte in jenen Welttheilen, wo es noch mehr, wie in England, an Geld fehlt, ein der englischen Fabrikation angemessener Absatz erreicht werden, wodurch die Engländer einigermaßen auf baare Fonds sollten rechnen können? Das war eine schwere Frage, die jedoch bald gelöst wurde.

Es zeigten sich nämlich sehr bald in London drei Handlungshäuser (mit dem Anfangsbuchstaben W..) zur Hülfe bereit für alle englische Fabrikanten und amerikanische Handelslustige und Manufacturisten. Diese drei Häuser rüsteten für eine Provision von fünf Procent (keine Kleinigkeit!) einen Jeden mit Accreditiven an die Joint Stock-Banks und Banking, Compagnieen aus, damit diese, die von den Amerikanern auf jene Londoner Häuser gezogenen Wechsel, (welche die letztern zu honoriren versprachen,) auszahlen möchten. Der Absatz wurde natürlicher Weise höchst beträchtlich, allein dieser in England beförderte Absatz bewirkte keinen Absatz in Amerika, wenigstens war derselbe nicht zureichend für die angeschafften Vorräthe, und dieses um so weniger, weil die englischen Fabrikanten jetzt neuerdings zur Erweiterung ihrer Fabriken schritten. Die in England von den Amerikanern auf Zeit gekaufte Waaren mußten mithin wiederum so geschwind als möglich abgesetzt werden, allein für baares Geld abzusetzen, lag im Reiche der Unmöglichkeit. Was thun? die Verlegenheit wurde in Amerika eben so schnell, wie in England durch Einrichtung von Banken beseitigt; die Zeitverkäufe konnten jetzt statt finden und die Geldverlegenheiten der Importeurs waren hierdurch aufgehoben.