Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht, sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen, und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte. Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat, läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich »kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.«

»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.«

Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.

»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten. Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.«

»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin, ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja. Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.«

»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen Gerson.«

Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die Confection zu stürzen.

Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand.