Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.
Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.
Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der Erinnerung. —
Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet, nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen hatten.
Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler Lagerung. O Karl, warst Du krank!
Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. — »Nein,« entgegnete ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«
»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« —
»Sonst nirgends?« — Er seufzte leidend. — Ich schenkte ihm Kaffee ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und klagte er wieder nach seiner Frau.
»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht war sie übermüde. — Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied verlassen haben?«
»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«