Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«
Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind nicht ausgeblieben.«
Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.
Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam für sie.
Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« — »Ich glaube in der Tasche« — »Dann her damit.« — Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. — Kein Brief. — »Er ist in dem anderen Kleide.« — »In welchem?« — »Das ist unten im Koffer.«
Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern, dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus; hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.
Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort nach der Putsch oder wie sie heißt.«
»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«
Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte, aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.
Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.