Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte, mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.

Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war, Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach Feuer und Licht sehen müssen.

Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.

»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«

»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein gestriges Betragen.«

Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh, endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so vieler Finsterniß. —

Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend. Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit, nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.

Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit. Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von Lustigkeit herauskam.

Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen doch, dett hier anständige Leute sitzen.« — »Hierbleiben!« schrieen die Gäste. — »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine Schwiegermama — ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten, da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen Scherz. — Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging? Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.

Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.