Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet, bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen, was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert mit uns das Fest der Liebe.«
Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.
Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber, Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft werden und Einer lernt Clarinette dazu.
»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die Kolonialbrüder und Schwestern?« — »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was haben wir von ihnen?«
»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus Deiner Fabrik stammen.« — Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der nicht recht einschlug.« — »Das ist eben der Segen der Kolonieen, wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« — »Ganz zu verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann. — »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger, »wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen durchgestochen.«
Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. —
Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern, Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.
Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht, daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer — es ist ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich — seine rasch gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?