»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.
»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf. Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«
»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«
»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«
Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter — sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht — sagen ja offenkundig, daß er schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.
Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg, ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«
»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken ist nicht gestattet.«
»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«
»Auch dann nicht.«