Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,« schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«

Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«

»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch ändern.«

»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«

»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen, wie sie's anfängt« —

Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich Ottilie bei mir hatte.

Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob ich doch nicht...

Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten, breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.

»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise: »Alles, Alles.«

Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst recht nicht los.