Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der Ausstellung gesandt, sogar mit Entwürfen, sauber ausgeführt auf Glanzleinewand, metergroß, wofür ich ihm die Auslagen erstatte, obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als Hochzeitsgeschenk für einen Baubeflissenen.

Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt, daß die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst er unter solchen Umständen die schwierige Aufgabe nicht glücklicher gelöst haben würde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein Gebäude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige elektrische Eisenbahn fährt, wie durch den Riesenbau für Unterricht und Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es so zerschneidet, daß man vom Vorderen zum Rückwärtigen über eine Treppe hinauf und hinab steigen muß? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen angelegt werden können: immer durch die Häuser, wo welche im Wege stehen und nicht erst Tunnels unter der Straße buddeln oder Hochbahnen an den Etagen vorüber, daß jeder sich scheniren muß, halb angezogen ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgäste plötzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln.

Leicht faßlich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschön erscheint, das fällt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fühlen? Wird nicht an allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt? Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist veraltet, jenes unzeitgemäß, darum weg damit, als der Menschheit unwürdig. Nun kommen die Gewaltsbeglücker mit ihren Plänen, die passen wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder, blos mit dem einen Fehler, daß sie nicht nach Maaß gearbeitet sind. Wer darin vorwärts will, den kneifen sie und statt der versprochenen goldenen Berge hat er eine Hühneraugenzucht. —

Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung.

Tante Lina und Ottilie mußten für einige Stunden unschädlich gemacht werden.

Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu nehmen, die Denkmäler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst für Fremde in den Führern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an bis zum Zellengefängniß. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten Taxameter und erklärte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina ungemein, daß man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat beziffert. »Als ich in die Nähschule ging,« sagte sie, »bei Madame Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen Haspel, woran man sehen konnte, wann fünfzig Touren herum waren beim Garnwinden. Wenn man nicht aufpaßte, gab es doppelte Strähnen und dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nämliche Art von dem nämlichen Drechsler?«

Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunächst nach der Koppenstraße wegen der Tasche.

Ich athmete auf. Endlich Ungestörtheit, den Bericht über Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, daß ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, höchstens wo er sich in Renaissance oder frühe und späte Gothik versenkt und von Risaliten spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalität, Rabitzwänden, Stabilität, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er in gewöhnlichem Deutsch schreibt, darüber läßt sich streiten und ich will mich hüten, hinterher für seine Ansichten verantwortlich gemacht zu werden. Etwas muß ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem Viertelsposten vorlieb nehmen muß. So baronisirt er wenigstens nicht gänzlich.