Mit Rennthieren ist die Reise über Land und Meer schnell zu machen.
Denken wir uns nun einen beherzten jungen Mann, dem Zeit und Vermögen nicht fehlen, und der die kekke Unternehmung wagen mag, oder besser eine Gesellschaft solcher Männer, so hätte die Theorie ihrer Reise ausfindig zu machen:
Erstens: den dienlichen Schutz gegen die Einwirkung der Kälte.
Zweitens: den Nahrungsvorrath.
Drittens: die Vertheidigung wider reissende Thiere.
Viertens: Die Mittel, auch in fortwährender Dunkelheit, die wahre Richtung nicht zu verlieren.
Was den ersten Punkt anlangt, so wäre nöthig, bei Zeiten nach Grönland zu gehn, und sich vorerst so viel als möglich an heftige Kälte zu gewöhnen. Der Grad davon, welchen der Mensch ertragen kann, wurde noch nicht ausgemittelt; daß man aber in jugendlicher Gesundheit lange bei einer Temperatur von 20 Grad unter 0 Reaumur ausdauert, und sich mehr und mehr dazu gewöhnt, leidet keinen Zweifel. Blagden hielt in einer Hitze von 92 Grad Reaum. folglich 12 Grad über den Siedepunkt des Wassers aus. Zwar nur sieben Minuten, aber fortgesetzte Proben würden den Zeitraum verlängert haben, und sein Versuch beweiset nur, zu welchen Ertragungen außer der Regel, unser Körper geeignet ist. Nach Verhältniß müssen mit der Kälte eben solche Extreme zu erreichen sein. Und man denke nur an die holländischen Matrosen, die auf Spitzbergen Schiffbruch gelitten hatten, und dort mehrere Jahre, aller Bequemlichkeit ermangelnd, zubrachten.
Es ist kein Grund vorhanden, daß man annehmen sollte, es würde in der Nähe des Polpunktes, ein ganz und gar mit allem Leben unverträglicher Kältegrad herrschen. Die nämliche Kälte, welche im äußersten Lappland fühlbar ist, wird bisweilen auch in Petersburg empfunden, die von Petersburg nimmt man auch in Berlin wahr, nur was höher gegen die gemäßigte Zone hin, seltener wird, ist dort beständiger. Der Kältegrad, welchen man auf hohen Bergen, selbst im Süden empfindet, ist dem im Norden gleich, die Mönche auf dem großen St. Bernard leben acht Monate im Jahr, wie im nördlichen Canada, oder im Samojedenland, und eine strengere Temperatur wie auf den schweitzerischen Gletschern ist wohl auch auf der Erdachse nicht vorauszusetzen.
In Grönland kleiden sich die Einwohner vom Haupte bis zum Fuß, in Seehundsfelle, die vor allem Pelzwerk die Kälte abwehren sollen, folglich vorzüglich schlechte Wärmeableiter sind. Wer aber dreißig bis vierzig Tage (so lange kann die Reise dauern, wie wir weiterhin sehen werden) in jener Region bleiben will, ohne unter dichtes Obdach zu kommen, muß noch mehrere Pelze hinzufügen, und wäre anzurathen, sich nach Fußsäkken und Wildschuren von weissen Bären umzusehn. Denn da die Natur dieses Thier bestimmt hat, im höchsten Norden zu leben, so wird seine Haut auch am vollkommensten den thierischen Wärmestoff eindichten.
Das Rennthier bleibt, wo es einheimisch ist, unter freiem Himmel, und die Gewalt des Frostes kann ihm nichts anhaben, warum sollte es nicht einen Schlitten bis zum Eispole ziehen können.